Die Seele im Raunen der Rauhnacht 2
- Harald Schneider

- 26. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Dez. 2025
Das Vermächtnis des "Hiase" und das Schweigen der Bäume

Finsterau & Hinterschmiding, 26. Dezember.
Wenn der Stefanitag über den Bayerischen Wald hereinbricht, verändert sich die Energie im Gebälk der alten Höfe. Während der 25. Dezember noch vom Echo der weihnachtlichen Liturgie und der mütterlichen Wärme der Traudl geprägt war, gehört der zweite Tag der Rauhnächte dem Hiase. Er ist die Verkörperung des „Waidlers“ – rauchig, wortkarg, tief verwurzelt im Granitboden und ausgestattet mit einem Wissen, das keine Universität lehrt, sondern nur die jahrzehntelange Arbeit im tiefen Frost.
Die zweite Rauhnacht spiegelt den Februar 2026 wider. Es ist die Zeit der tiefsten Kälte, aber auch die Zeit, in der das Fundament für das kommende Jahr gelegt wird.
Der Schlag am Stefanitag
Wir schreiben das Jahr 2021. Es ist ein Winter, der sich schwer über den Lusen legt. Der Hiase steht schon um vier Uhr morgens in der finsteren Küche. Das Feuer im Herd knackt, der Duft von starkem Kaffee vermischt sich mit dem Geruch von Harz, der immer an seiner Kleidung haftet. 2021 war für ihn – wie für uns alle – ein Jahr der Prüfung.
Der Hiase sagte damals nur:
„Mia miassn wieda lerna grod zum geh, denn da Woid verzeiht koane krummen Wege.“
An diesem 26. Dezember 2021 hat der Hiase eine besondere Mission. Er geht nicht einfach zur Arbeit. Er geht zum Holzschlagen. Aber nicht irgendein Holz. Es ist der Stefanitag, und im Woid weiß man, «Heute schläft der Baum am tiefsten.»
Der Hiase stapft durch den mannshohen Schnee. Sein Atem bildet weiße Wolken, die im Licht seiner Stirnlampe tanzen. Er sucht eine mächtige Fichte, die er schon im Sommer markiert hat. Er bleibt vor ihr stehen und legt die raue Hand auf die Borke. Er spürt die Kälte des Stammes, aber er weiß, dass im Inneren das Leben ruht. Es ist der Tag des niedrigsten Saftstandes. Das Wasser hat sich in die Wurzeln, tief in die Erde zurückgezogen. Der Baum ist leer, er ist rein, er ist bereit.
Mit jedem Schlag seiner Axt schallt ein Echo durch den schlafenden Wald. Es ist ein rhythmisches Gebet. Der Hiase schlägt das „Stefansholz“. Dieses Holz wird niemals reißen. Es wird nicht faulen. Es wird dem Feuer trotzen, wenn es erst einmal im Dachstuhl verbaut ist. In diesem Moment erlebt der Hiase seine Spiritualität völlig unbewusst. Er ist kein Mann der großen Worte über Gott, aber wenn er den Baum fällt, während die Wintersonne rot über den Wipfeln aufgeht, ist er eins mit der Schöpfung. Er weiß, dass er heute etwas schafft, das Generationen überdauern wird. Das ist seine Segnung – die Arbeit, die bleibt.
Das Brauchtum Stefaniritt und die Segnung der Kraft
Während der Hiase im Wald die Axt schwingt, bereitet man sich im Dorf auf den Stefaniritt vor. Der 26. Dezember ist der Tag des Heiligen Stephanus, des Patrons der Pferde und Knechte.

Früher war dies der Tag, an dem das Vieh – das kostbarste Gut des Bauern – gesegnet wurde. Es ging um mehr als nur Religion. Es war die Anerkennung der Mitgeschöpfe. Ohne die Pferde hätte der Hiase das Stefansholz niemals aus dem Wald bringen können. Die Segnung am Stefanitag ist ein Akt der Demut. Man bittet darum, dass die Kraft, die man zum Überleben braucht, erhalten bleibt.
Aus medialer Sicht ist dieser Tag der Moment, in dem wir unsere Werkzeuge
und Begleiter segnen.
Für mich, Harald, ist es der Rucksack und die Wanderschuhe und der Bleistift. Für den Hiase ist es die Axt und das Ross.
Es ist die Frage Was trägt mich durch den Februar des Lebens?
Das Ritual Das Zwiebelorakel – Den Februar lesen
Nachdem der Hiase „aufdnacht“ aus dem Wald heimkommt, die Kälte noch in den Knochen, vollzieht er das stillste Ritual der Rauhnächte: das Zwiebelorakel. Während die erste Nacht die Seele reinigte, geht es heute um die nackte Realität des kommenden Jahres.
So führt der Hiase das Orakel durch (und so kannst du es heute tun) Die zwölf Schalen
Er nimmt eine große Zwiebel und löst zwölf Schalen ab. Jede Schale steht für einen Monat des Jahres 2026.
Das Salz der Erde In jede Schale gibt er exakt die gleiche Menge Salz.
Die Ruhe im Herrgottswinkel Er stellt die Schalen auf ein Brett und lässt sie über
Nacht stehen.
Morgen früh wird er sehen, was der Februar (die zweite Schale) bringt. Ist das Salz zerflossen und nass? Dann wird der Februar 2026 eine Zeit der Tränen, des Regens oder der schweren, emotionalen Arbeit. Bleibt das Salz trocken? Dann erwartet ihn ein klarer, fester Monat, in dem die Projekte auf festem Fundament stehen.

Die tiefere Bedeutung, warum Stefansholz unser Schicksal spiegelt
Warum schlägt der Hiase das Holz ausgerechnet heute? Weil heute die Zeit des Stillstands ist. In der Forstwirtschaft von heute geht oft das Wissen verloren, dass Qualität Zeit braucht. Das Stefansholz ist deshalb so wertvoll, weil es in Harmonie mit den kosmischen Zyklen gewonnen wird.
Das ist die Brücke zu einer tieferen Wahrheit, die weit über den Woid hinausreicht.
In jedem Leben gibt es Momente, die dem Stefanitag gleichen – Phasen, in denen der eigene „Saftstand“ am niedrigsten ist, in denen Trauer oder Rückschläge das Innere leer gemacht haben.
Doch genau in dieser Zeit der absoluten Stille und vermeintlichen Leere entsteht die Chance, ein neues Leben zu bauen. Wer in seiner dunkelsten Stunde, wenn das Leben scheinbar stillsteht, den Mut zum Aufbruch findet, schafft etwas Unzerstörbares. Es entsteht ein Fundament, das – wie das Stefansholz – nicht mehr reißt. Es ist ein Dasein, das durch die Kälte der Prüfung gehärtet wurde und fortan jedem Feuer der Kritik und den heftigsten Stürmen der Entbehrung trotzt.
Der 26. Dezember lehrt uns, in der tiefsten Ruhe liegt die größte Beständigkeit.
Das Gebet für die zweite Rauhnacht
Wenn du heute Abend, vielleicht mit dem Duft von Fichtenharz in der Nase, zur Ruhe kommst, sprich diese Worte – für dich, für deine Aufgabe im Leben, für alle:
„Heiliger Stefan, Kraft des Waldes, segne das Werk meiner Hände und die Träume meiner Seele. Lass mein Leben werden wie das Stefansholz: Fest im Kern, ruhig im Geist und beständig gegen das Feuer. Ich lege die Schalen der Zeit vor dich hin, zeig mir den Weg durch den Frost des Februars. Was schwer ist, lass im Boden ruhen. Was stark ist, lass zum Himmel wachsen. Amen.“
Deine Aufgabe für heute Nacht:
Das Orakel
Lege deine zwölf Zwiebelschalen aus. Konzentriere dich besonders auf die zweite Schale für den Februar.
Die Träume
Lege das Blatt mit den drei Kreuzen (oder dein Notizbuch) wieder unter dein Kissen. Was du heute Nacht träumst, ist die Blaupause für deine Projekte im Februar 2026.
Achtsamkeit
Wenn du heute einen Baum siehst, danke ihm für sein Schweigen. Er trägt das Wissen um die Ewigkeit in sich.
Morgen werden wir gemeinsam mit der Traudl die dritte Rauhnacht erkunden. Wir werden sehen, was das Zwiebelorakel uns verraten hat und wie wir uns auf den März vorbereiten – den Monat des Erwachens und der ersten zarten Knospen nach dem langen Winter.

Bis dahin, schlaf tief, der Woid gibt acht auf dich.
Dein Wanderer zwischen den Welten.
Herzlich Harald🙏👣🎈🙏
I bin vom Woid dahoam
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