Mal d’Germania
- Harald Schneider

- 24. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Dez. 2025
Wie wir Deutschen uns von unserer Rückgratlosigkeit befreien können.

Ich sitze im Auto. Deutschland zieht an mir vorbei, grau in grau an diesem Dezembertag.
Die Autobahn ist ein endloses Band aus Asphalt und Gischt. Das Radio läuft leise, ein Klangteppich unter den monotonen Reifengeräuschen. Ich achte kaum darauf.
Doch dann, plötzlich, durchschneidet eine Melodie die Monotonie. Ich drehe lauter. Es sind Alice und Franco Battiato. "I treni di Tozeur". https://www.youtube.com/watch?v=yVtkvuKpKf8
Ein Lied, das mich sofort abholt und mitnimmt in eine Welt des süßen Schmerzes. Das Lied, es handelt vom "Mal d'Africa", vielleicht auch vom "Mal d'Italia" – diesem unstillbaren Heimweh nach der Weite, dem Licht, der archaischen Tiefe. Es ist das Gefühl, wenn die Seele an einem bestimmten Ort hängt, der einen nicht mehr loslässt, der wehtut und doch so lebensnotwendig ist.
Während die Stimmen von fernen Zügen singen, frage ich mich unwillkürlich:
Was ist eigentlich das "Mal d'Germania"? Wo liegt unser Tozeur?
Gibt es für uns diesen Ort der warmen Sehnsucht, oder haben wir nur Orte der Last und diese verfluchte Angst die uns immer wieder dazu verleitet zu richtigen Zeitpunkt das falsche zu tun?
Die Straße vor mir verschwimmt. Und plötzlich schiebt sich ein anderes Bild vor mein inneres Auge. Eine Vision, so klar und kalt wie die Luft an der Ostsee.
Der Urgeist im Nieselregen
Ich sehe kein südliches Licht. Ich sehe Beton. Viereinhalb Kilometer langer brutaler Größenwahn, hingeklotzt an den Strand von Rügen. Prora.
Gebaut von den Nazis, um das Individuum in der Masse zu ersäufen, genutzt von der DDR, um es einzusperren.
Und dort, an diesem Strand, wo der Nieselregen nicht von oben fällt, sondern aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint, da steht er.
Ein Mann. Den Kragen der wetterfesten Jacke hochgeschlagen, die Schultern gebeugt von einer unsichtbaren Last. Er starrt auf die abweisende, graue Ostsee.
Er ist nicht irgendein Mann. In dieser Vision erkenne ich - Er ist der Urgeist des deutschen Michels. Er ist der Stellvertreter für uns alle – ob Mann oder Frau. Er verkörpert unser kollektives "Mal". Er friert. Aber nicht wegen der Kälte von außen. Er friert von innen.
Das "Mal d'Germania" ist keine Sehnsucht, die in die Ferne zieht. Es ist eine bleierne Schwere, die uns auf den Boden drückt. Und dieser Text muss wehtun, weil wir es uns in diesem chronischen Nieselregen unseres Gemüts viel zu bequem gemacht haben. Wir brauchen das Salz in der Wunde, um zu spüren, dass wir noch leben.
Die Diagnose - Die panische Güte
Wenn dieser Ur-Michel in meiner Vision den Kopf leicht dreht, wagt er kaum, zurückzublicken. Denn hinter ihm liegt nicht nur der Betonkoloss, sondern der moralische Abgrund von 1945. Die Lektion, die sich ihm – und uns allen – ins kollektive Unterbewusstsein eingebrannt hat, ist brutal:
«Traue niemals deinen eigenen Instinkten. Denn tief in dir schlummert das Monster.»
Hier beginnt das eigentliche Drama, der Kern unserer heutigen Lähmung. Aus der Angst vor diesem inneren Monster haben wir eine Überlebensstrategie entwickelt. Wir haben beschlossen, radikal "gut" zu sein.
Aber – und das ist der schmerzhafte Punkt, dem wir uns stellen müssen – das ist oft keine echte Güte, die aus innerer Stärke und Souveränität kommt. Es ist eine panische Güte.
Wir sind die Musterschüler der Weltmoral. Wir wollen die Welt retten – nicht aus Liebe zur Welt, sondern aus Panik, wieder auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen. Wer Angst vor sich selbst hat, hat keine Kraft. Wir haben das "Nein" verlernt, weil das "Nein" Rückgrat erfordert.
Und Rückgrat riecht für uns verdächtig nach Arroganz, nach dem alten bösen Geist.
Also ducken wir uns weg. Wir wollen geliebt werden, um uns selbst die Existenzberechtigung zu geben. Das ist ein erbärmlicher Zustand.
Das Zeitalter der "Kolchosenfußballer"
Die Musik im Auto ist längst verklungen, aber das Bild des Mannes am Strand bleibt. Seine Haltung erklärt unsere Gegenwart. Diese innere Starre hat eine Gesellschaft von Verwaltern und Bedenkenträgern hervorgebracht.
Wir haben eine Generation von "Kolchosenfußballern" herangezogen und nicht nur da. In der Politik, in der Wirtschaft, im Beamtentum und in der Kultur. Das sind Spieler, die den Ball nur querlegen. Die Verantwortung im Kollektiv diffundieren lassen. Die panische Angst haben, einen Fehler zu machen, für den sie allein geradestehen müssten. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht anecken. Bloß nicht "Ich" sagen, immer nur ein schwammiges
«Wir», oder «Unser»
Wo sind die Typen? Wo sind die Charaktere mit Ecken und Kanten, die den Ball fordern, die das Spiel an sich reißen und nach vorne gehen, auch auf die Gefahr hin, zu scheitern? Sie sind rar geworden in einem Land, das Konformismus mit Tugend verwechselt.
Wir verwalten den Stillstand, während die Welt um uns herum rast. Und tief drinnen wissen wir es. Das ist der Schmerz, den der Mann, unser Stellvertreter am Strand, spürt.
Der Heilschmerz - Der Blick auf die Enkel
Warum reicht es nicht mehr, einfach im Regen stehen zu bleiben? Warum müssen wir uns diesem Schmerz jetzt stellen?
Weil wir nicht mehr das Recht haben, nur an unsere eigene Befindlichkeit zu denken. Schau dir deine Kinder an. Schau dir deine Enkel an.
Wenn wir so weitermachen, in dieser Starre aus historischer Schuld und gegenwärtiger Rückgratlosigkeit, was hinterlassen wir ihnen dann?
Wir hinterlassen ihnen ein Land, das nicht mehr weiß, was es ist, und deshalb von anderen definiert wird. Wir hinterlassen ihnen eine Kultur ohne Wurzeln. Und ein Baum ohne Wurzeln kippt beim ersten Sturm um.
Der Gedanke daran – das muss wehtun. Das ist der deutsche Schmerz, der heilen kann. Dieser Schmerz ist der Treibstoff, den wir brauchen, um aus der Starre herauszukommen.
Das Weihnachtsgeschenk - Der Auftrag zur inneren Stärke
Und damit komme ich zurück in die Realität meines Autos, zurück auf die Straße.
Was ist die Konsequenz aus dieser Vision?
Das Geschenk, das wir uns dieses Jahr zu Weihnachten selbst unter den Baum legen müssen, ist kein Beruhigungsmittel. Es ist ein eiserner Auftrag. Das Geschenk ist die «Erlaubnis zur eigenen Stärke.»
Wir müssen aufhören, Erlösung im Außen zu suchen. Die Botschaft muss sein:
«Du musst nicht die Welt retten, um existieren zu dürfen. Du darfst du selbst sein. Du darfst Deutscher sein, mit dieser ganzen schweren, dunklen aber auch sehr hellen Geschichte im Gepäck. Du darfst Ecken und Kanten haben.»
Wahre Verantwortung für die Geschichte bedeutet nicht ewige Selbstschwächung. Sie bedeutet ganz genau das Gegenteil. Sie erfordert das Selbstbewusstsein, die Lehren aus der Vergangenheit aktiv für eine bessere Zukunft einzusetzen und nicht immer wieder die gleichen Fehler zu machen.
Wir brauchen wieder Typen, die den Ball fordern. Wir brauchen Großväter, die ihren Enkeln zeigen, dass man nicht einknickt, wenn der Wind bläst. Die ihnen eine Kultur vorleben, die lebendig, streitbar und tief verwurzelt ist.
In meiner Vision steht der Mann noch immer am Strand von Prora. Er wird den Betonklotz in seinem Rücken niemals loswerden. Er ist Teil von uns. Die Narben bleiben.
Aber wenn ich genau hinsehe, da hinten am Horizont, über der aufgewühlten See, da bricht jetzt ein Lichtstrahl durch die Wolken. Ein kleines, aber unübersehbares Leuchten.
Es ist Zeit für ihn – für uns –, den Kragen runterzuklappen. Es ist Zeit, die kalte Luft tief einzuatmen, den Schmerz als Antrieb zu nutzen und sich aufzurichten.
Hör auf, dich zu entschuldigen. Fang an zu gestalten. Deine Enkel warten darauf.
Denn machen wir uns nichts vor - Wenn wir es nach dem ersten und dem zweiten Mal nun ein drittes Mal verspielen, wird es verdammt schwer werden, in dieser Welt noch Deutscher zu sein. Diesmal darf wirklich niemand mehr sagen, er hätte von nichts gewusst.
Nun ist es Zeit für das Fest. Lassen wir für einen Moment die Waffen der Argumente sinken und holen wir tief Luft. Weihnachten lädt uns ein, friedlich und besinnlich zu sein – nicht als Flucht vor der Realität, sondern als Quelle der Kraft für das, was kommt. Nutzen wir diese Atempause, um innerlich zur Ruhe zu kommen und unser Rückgrat für das neue Jahr zu stärken. Lassen wir die Geschichte eine Mahnung sein und die Stille eine Kraftquelle. Wir werden unser Rückgrat noch brauchen.
Möge das kommende Weihnachtsfest die Antwort auf die Sehnsüchte unserer Herzen sein.
Frohe Weihnachten
Herzlich Harald🙏👣🎈🙏
I bin vom Woid dahoam
sichere dir dein handsigniertes Exemplar und nimm an der Verlosung teil.





Kommentare