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Der Takt der Seele


Il modo mio
Il modo mio

Wenn das Universum deine Geschwindigkeit bestimmt


Ich sitze im Auto. Hamburg, Rushhour. Um mich herum die blecherne Hitze der Stadt, das aggressive Aufheulen von Motoren, das nervöse Hupen derer, die meinen, noch weniger Zeit zu haben als all die anderen. Das Leben im Außen ist ein rücksichtsloser Sprint geworden, ein ständiges Jagen nach dem nächsten Moment, während das Jetzt achtlos überrollt wird. Genau in diesem Augenblick, gefangen an einer roten Ampel, vibriert das Handy in der Mittelkonsole.


Eine Nachricht von Michaela. Ich öffne sie, und die hektische Kulisse der Großstadt verblasst augenblicklich zu einem fernen, bedeutungslosen Rauschen.

 

„Lieber Harald, ich würde mich sehr darüber freuen dich zu sehen. Ich spreche mit Sepp wie es bei ihm geht… und das schönste für mich, dass es dir wieder besser geht. Wie es uns geht?.... Darüber reden wir wenn wir uns sehen. Liebevolle Grüße Michi.“

 

Und dann folgen die Zeilen, die mich wie ein physischer Schlag mitten in der Brust treffen:

 

„Nur eines….das Feuerpferd überrannte mich mit vollem Tempo, mit der Schnelligkeit kam ich überhaupt nicht klar. Ich bin ja ein Feuerpferd noch dazu doppelte Waage. Und dazu einen Körper der unendlich langsam ist 💓“

 

Michaela. Eine wunderbare, leuchtende Seele. Ein wildes, freies Feuerpferd. Doch während ihr Geist galoppieren will, streikt ihre Materie sehr oft. Ihr Körper ist schwer, unendlich langsam, gefangen in den Klauen einer unbarmherzigen Krankheit. Lip... ich will die medizinischen Details gar nicht genau wissen, denn sie tun weh. Sie leidet. Und doch besitzt sie inmitten dieses täglichen Kampfes die unendliche Größe, mir Worte voller Liebe und Fürsorge zu schenken. Ich starre auf das Display, sehe ihre Seele durch die Buchstaben schimmern und versuche verzweifelt, den tosenden Verkehr um mich herum mit dem plötzlichen emotionalen Tsunami in meinem Inneren in Einklang zu bringen.

 

Und genau in diesem Augenblick des inneren Stillstands passiert etwas Seltsames. Das Drängeln der anderen Autofahrer, die sichtbare Wut hinter den Windschutzscheiben – es erreicht mich nicht mehr. Es verliert seine Macht. Ich sitze in dieser Keksdose und begreife: Vielleicht ist dieser oft so fehlerhafte, langsame Körper gar kein Gefängnis. Vielleicht ist er ein Schutzschild für eine viel zu zarte, wunderschöne Seele. Es geht hier draußen nicht um die Perfektion der Hülle. Es geht niemals um den Körper. In der kommenden Welt wird Substanz so viel wichtiger sein als die Spekulation des Scheins. Es geht einzig und allein um das Sein. Um Bewusstsein. Um die Seele.


Es gibt einen Rhythmus, den das System von uns verlangt – laut, unbarmherzig, digital getaktet. Und es gibt den Takt der Seele. Dieser Takt kennt keine Optimierung, keine künstliche Beschleunigung und keine Deadlines. Er ist so individuell wie der Herzschlag eines jeden Einzelnen von uns. Wenn wir versuchen, den Takt unserer Seele an das kreischende Tempo des Außen anzupassen, werden wir unweigerlich krank. Michaelas Körper verweigert diesen fremden, aufgezwungenen Rhythmus. Er zwingt sie in die Langsamkeit, in die absolute Präsenz des Augenblicks. Und vielleicht ist genau das kein Defizit, sondern die höchste Form der inneren Rebellion: im eigenen, gottgegebenen Takt zu verweilen, während die Welt draußen durchdreht.


Und als hätte das Universum nur darauf gewartet, dass ich diese Wahrheit endlich zulasse, bricht mitten in Hamburg die Ewigkeit auf. Durch das geöffnete Fenster, direkt aus den Lautsprechern des Radios, dringt eine Stimme zu mir. Eine Italienerin – Elisa – beginnt zu singen („A modo tuo“).



Es ist eine engelsgleiche, reine, schwebende Stimme, die den Raum zwischen den Blechlawinen flutet. Es ist sehr schwer loszulassen. Geh deinen Weg. Auf deine eigene Art. In deiner eigenen Geschwindigkeit. Sei Du einfach nur Du selbst.

Ich bin wie gelähmt. Der Gang ist eingelegt, die Ampel springt auf Grün, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht mehr reden. Ich kann nur noch fühlen, wie die Töne die harte Kruste meines Alltags durchbrechen.


Der Tag vergeht, die Kilometer schwinden, es wird Nacht. Ich denke, ich fühle, ich bin. Und immer wieder holt mich dieses eine Lied ein. „A modo tuo“... Es trifft mich. In meiner Art. In meinem Takt. Es bewegt mich so wie es für mich gut ist – a modo mio.


Du bist nie allein, nie.
Du bist nie allein, nie.

Tage später führt mich mein Weg nach Hessen. Wieder sitze ich im Auto, wieder gleitet die Landschaft an mir vorbei, und wieder bricht ein Song aus Italien durch die Lautsprecher. Diesmal singt eine raue, wissende Stimme: „Non è tempo per noi“ – Es ist nicht die Zeit für uns.



Und plötzlich verstehe ich die tiefere Botschaft. Wenn wir tief im Inneren verbunden sind, tun wir immer das Richtige. Weil wir geleitet sind. Wir müssen uns nur dieser unsichtbaren Führung überlassen. Doch sobald wir diese Führung abgeben, sobald wir uns vom Ego und der Hektik des Verstandes treiben lassen, werden wir zu Assassinen zu Verrätern, zu Blockwarts und Mördern. Nicht mit Waffen auf einem realen Schlachtfeld, sondern im Stillen, mit unseren verurteilenden Gedanken, unserem harten Urteil, unserer unbarmherzigen Ungeduld gegenüber uns selbst und den anderen. Wir töten das Wunder des eigenen Moments, weil wir zu schnell sein wollen.

Ich halte an, greife zu Stift und Papier. Ich will diese Gedanken aufschreiben, sie festhalten, doch es gelingt mir nicht. Jedes Wort, zu wenig Akkord, jeder Satz zu flach, jeder Absatz nicht wert diese Gefühlwelt zu beschreiben, die sich soeben in mir abspielt. Ich schreibe, korrigiere, streiche durch – alles fühlt sich so unfassbar unrund an. Doch das Universum lässt mich nicht im Stich. Es schickt mir den fehlenden Puzzlestein in Form eines kurzen Videoclips aus St. Gallen.


 

Die Reporterin im Video steht vor einer Menschenmenge und sagt einen Satz, der mich nachdenklich stimmt: „Weil Lewis Capaldi heute nicht für uns singen kann... singt Sankt Gallen für Lewis Capaldi.“ Wer ist dieser Lewis Capaldi und wieso kann er nicht singen?

Ich beginne zu recherchieren, tief beeindruckt von dieser Dynamik. Ich stoße auf das Originalvideo seines Auftritts beim Glastonbury Festival 2023


 

Da steht dieser junge, hochtalentierte Mann auf der ganz großen Bühne. Mitten im Song bricht sein Tourette-Syndrom durch. Sein Körper rebelliert, zuckt, macht völlig unkontrolliert, was er will. Er verliert die Stimme, kann nicht mehr weitersingen. Er steht wehrlos vor Zehntausenden von Menschen. Und was tut die Menge?


Sie wendet sich nicht ab. Es gibt kein betretenes Schweigen, kein mitleidiges Wegschauen, kein Urteil. Die Menschenmenge übernimmt einfach. Tausende Kehlen singen den Song für ihn weiter. Sie tragen ihn eingehüllt in ein Tuch aus reiner, bedingungsloser Liebe und bringen ihn so durch diesen Moment hindurch. Es ist die pure Perfektion des Menschseins, die sich dort Bahn bricht. In diesem Augenblick wird mir schlagartig klar. Wir sind alle Michaela. Wir sind alle Lewis Capaldi. Wir alle schleppen einen Körper mit uns herum, der manchmal unendlich langsam ist, der verrücktspielt, der nicht mitkommt oder einfach macht, was er will – wieso auch immer. Wir alle stoßen an die Grenzen unserer fehlerhaften Materie.

Aber in diesem unperfekten Körper wohnt diese wunderbare unsterbliche Seele. Und diese Seele sie leuchtet und schau genau hin, sie ist so schön, wenn sie einfach nur ist und leuchtet. Wenn wir endlich aufhören, uns gegenseitig nur als Körper, als Leistungsträger, als stark oder schwach, reich oder arm zu bewerten – wenn wir stattdessen lernen, das reine Licht im anderen zu sehen, dann wird diese Welt plötzlich zum wunderbarsten Platz, den man sich vorstellen kann. Dann weicht der kalte Würgegriff des Systems der Wärme der Gemeinschaft.

 

„A modo tuo.“

Geh deinen Weg. In deiner eigenen Geschwindigkeit. Es ist dein gottgegebenes Recht, einfach du zu sein.

 

„Non è tempo per noi.“

Doch. Es ist genau die richtige Zeit. Es ist unsere Zeit. Wenn wir nur verbunden bleiben.

 

Ich sitze hier, und ich spüre, wie mir die Tränen über das Gesicht laufen. Es sind keine Tränen der Traurigkeit. Es sind Tränen der tiefsten Dankbarkeit. Weil das Universum mir wieder einmal unmissverständlich gezeigt hat:

Ich bin nicht allein. Wir sind nicht allein. Wir sind geführt. Und wenn wir uns bedingungslos auf diese Führung einlassen, dann kommt immer zum richtigen Zeitpunkt, in der perfekten Dosis, genau das in unser Leben, was wir brauchen und was wir vertragen können. Und genau das wünsche ich auch dir, wenn du diese Zeilen gerade liest.

Geh deinen Weg. A modo tuo.

Und wenn du das nächste Mal denkst, die Welt sei zu schnell und es sei nicht deine Zeit – dann erinnere dich an Michaela, an Lewis, an die singende Italienerin im Radio und an den verletzlichen Mann auf der riesigen Bühne, den ein Meer aus Menschen schützend getragen hat. Wir sind alle auf unsere Art langsam, aber wir sind alle genau richtig.

 

Dass wir einander tragen, dass wir einander wieder an diesen ureigenen Takt erinnern – das ist die Aufgabe, die ich für mein eigenes Leben angenommen habe. Ich möchte kein Rädchen im Getriebe dieser lauten Welt sein, sondern ein Seelenstreichler für all jene, die auf dem Weg ins Stolpern geraten sind.

Genau diese Geschichten des Innehaltens, die großen und kleinen Wunder meiner eigenen, langen Reise zu mir selbst, habe ich in meinem Buch festgehalten. Es ist eine Einladung an dich, das Tempo herauszunehmen und deinen eigenen Sternenweg wiederzufinden. Und weil geschriebene Worte manchmal eine Stimme brauchen, die sie ins Herz trägt, bereite ich im Hintergrund gerade meine Videonachrichten vor. Sie sollen in Zukunft wie ein regelmäßiger, wärmender Gruß an deine Seele ergehen – ein digitaler Ankerplatz der Stille inmitten des Sturms. Wenn du magst, begleite mich ein Stück auf diesem Weg.


Enden möchte ich mit Lewis Capaldi, als er ein Jahr später zurück nach St. Gallen kam



Wie es scheint, hat er nicht aufgegeben. Er hat immer weitergemacht. Trotz der Dämonen, trotz des zuckenden Körpers, trotz der Angst, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Als er wieder vor dieser Schweizer Kulisse steht, singen sie nicht mehr für ihn, um ein Loch zu stopfen – sie singen mit ihm. Er blickt in die Menge, und man sieht es in seinen Augen:

Der Kampf ist nicht vorbei, aber der Widerstand gegen die eigene Schwäche ist gebrochen. Er hat gelernt, sich tragen zu lassen. Er hat verstanden, dass seine Verwundbarkeit seine größte Stärke ist.


Das ist die alchemistische Verwandlung, die uns allen bevorsteht, wenn wir den Mut aufbringen, nicht mehr zu funktionieren, sondern zu sein.

 

Jeder Schritt auf dem Sternenweg ist ein gelebtes Gebet. Wir atmen inmitten eines spirituellen Vermächtnisses ganzer Epochen und bewegen uns auf der Aorta des Glaubens, in der Millionen Seelen ihre unlöschbare Signatur hinterlassen haben. Es ist das alchemistische Werk der Seele, die schwere Endlichkeit unseres Fleisches so lange am unnachgiebigen Schliff der Realität zu prüfen, bis der Widerstand der Materie bricht, sich der unendlichen Weite Gottes übereignet und in Ihm Ruhe findet.


Vertraue in erster Linie dir selbst. Vertraue deiner eigenen, ganz besonderen Geschwindigkeit, auch wenn die Welt um dich herum sich viel zu schnell bewegt. Vertraue deinem tiefsten innersten Wesen, deiner ureigenen Art – und vor allem:

Habe keine Angst.


Es ist Zeit für Deine Zeit.
Es ist Zeit für Deine Zeit.

Denn du fällst nie tiefer als in die Hände dessen, der dich so unsichtbar wie geborgen führt. Wisse aus tiefstem Herzen:

Du bist gesegnet. Selbst dann – und gerade dann –, wenn du im finstersten Moment glaubst, dass es im Augenblick sicher nicht deine Zeit ist. Doch, es ist deine Zeit. Es ist genau der Augenblick, in dem deine Seele zu leuchten beginnt.

 

In tiefer Verbundenheit,

dein Wanderer zwischen den Welten

 

Harald 🙏🎈👣🙏

 

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