Helden müssen fallen, oder ...
- Harald Schneider

- vor 6 Tagen
- 8 Min. Lesezeit

... die stille Entscheidung, wieder aufzustehen
Es war einer dieser Abende in Hamburg, bei denen man merkt, dass die Runde nicht nur höflich miteinander redet. Die Stimmung offen, fast ein bisschen forsch. Man saß beisammen, sprach über dieses und jenes, über mein Buch, über meine Reise – jene 3000 Kilometer, die mich durch Europa geführt hatten –, über das, was einen im Innersten bewegt. Es fühlte sich an, als dürfe man alles fragen und sagen. Keine falsche Zurück- haltung, keine Scheu, ein Thema wirklich zu berühren. Jeder Stein durfte umgedreht werden, solange niemand absichtlich verletzt wurde. Es war eine offene, erwachsene Atmosphäre.
Irgendwann in diesem Gespräch wandte sich eine Frau an mich. Sie hieß Kyriaki. Eine Frau mit tiefen griechischen Wurzeln und einem klaren, fast nordischen Geist – direkt, wach und ohne falsche Höflichkeit. Sie sah mich ruhig an und fragte:
„Harald, ich habe dein Buch gelesen. Aber sag mal – wieso steht eigentlich nicht auf dem Cover oder in der Kladde, dass du diese Strecke 2021 mitten in der Pandemie gelaufen bist? Unter diesen erschwerten Bedingungen? Das ist doch dann eine noch interessantere Geschichte.“
Ich spürte sofort, wie sich in mir etwas zusammenzog. Nicht dramatisch, aber spürbar im Körper verankert. Ich begann augenblicklich, Ausreden zu suchen. Ich redete von Zufällen, von Timing, von dem, was ich damals für wichtig hielt und was nicht. Ich wollte das Thema eilig wegdrücken, ohne es richtig zu erklären. Es war der klassische, tief sitzende Reflex: Nicht zu viel von mir preisgeben. Nicht zu sehr in den Mittelpunkt rücken. Nicht zu groß erscheinen.
Doch Kyriaki ließ nicht locker. Sie legte nach: „Du bist viel zu bescheiden, Harald. Für mich bist du ein Held – allein dafür, dass du das damals alleine durchgezogen hast. Aber das unter Pandemiebedingungen zu tun, das verstärkt das Ganze ungemein. Bitte schreib das vorne drauf.“
Ich hörte mich selbst antworten, ohne nachzudenken: „Helden müssen fallen, Kyriaki.“
Es war kein bewusst tiefsinniger Satz. Es war ein reiner Abwehrmechanismus. Ein Satz, den ich schon öfter gedacht oder ausgesprochen hatte, wenn jemand versuchte, mich zu groß zu machen. Ich wollte damit signalisieren: Lass uns das nicht überhöhen. Lass uns nicht so tun, als wäre ich etwas Besonderes. Helden fallen irgendwann – und dann sieht man, wie zerbrechlich sie in Wahrheit wirklich sind.
Kyriaki antwortete ohne Umschweife und traf die Achillesferse meines Selbstbildes: „Du bist gefallen, Harald. Das ist doch schon passiert. Es geht im Leben nicht darum, nicht zu fallen. Es geht darum, wieder aufzustehen.“
Ich weiß nicht mehr genau, was ich darauf erwidert habe. Wahrscheinlich gar nichts. Der Satz saß. Er saß so tief und unbarmherzig, dass ich kurz darauf aufstand, mich entschuldigte und den Raum verließ, um auf die Toilette zu gehen. Dort stand ich vor dem Spiegel und merkte, wie meine Augen feucht wurden. Nicht, weil sie mich einen Helden genannt hatte. Sondern weil sie eine Wahrheit ausgesprochen hatte, die ich selbst schon lange wusste, aber nie so direkt und ungeschützt gehört hatte: Dass ich gefallen bin. Und dass dieses "Gefallensein" kein Weltuntergang sein muss.
Das Erbe des Schweigens und die falsche Tugend
Ich bin nach einem bayerischen Motto groß geworden, das tief in dieser Kultur verankert ist: „Nicht geschimpft ist gelobt genug.“ Das klingt im ersten Moment nach gesunder Bescheidenheit. Es klingt tugendhaft, geerdet und frei von Arroganz. In Wahrheit jedoch ist es oft eine sehr bequeme und feige Art, sich selbst chronisch klein zu halten. Wenn man nie richtig gelobt wird, muss man sich auch nie richtig damit auseinandersetzen, was es bedeutet, wirklich gesehen zu werden. Man bleibt so im sicheren, grauen Mittelmaß. Man fällt nicht auf, bietet keine Angriffsfläche – und man muss sich vor allem nicht der existentiellen Frage stellen, ob man es überhaupt verdient hat, im Licht zu stehen.
Viele von uns, besonders in unserem Kulturkreis, haben verinnerlicht, dass es gefährlich ist, zu groß, zu sichtbar und schon gar nicht stolz zu werden. Wenn wir fest bei uns selbst stehen, schlägt uns schnell Skepsis entgegen. Also taufen wir diese Angst kurzerhand in „Bescheidenheit“ um und deklarieren sie zur Tugend. Das stimmt auch – aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Es gibt nämlich eine Form von Bescheidenheit, die nicht mehr demütig ist, sondern zutiefst ängstlich. Eine Bescheidenheit, die nicht aus Respekt vor der Schöpfung kommt, sondern aus Scham. Die uns nicht schützt, sondern uns lebendig begräbt.
Ich nenne dieses Phänomen für mich selbst „Liderlichkeit“. Nicht im alten, moralisierenden Sinn von Unzucht, sondern als eine Form der bequemen, stillen Selbstvernachlässigung. Man hält sich klein, weil das System gelernt hat, dass Deckung Sicherheit bedeutet. Man redet die eigene Lebensleistung, die brutalen Kilometer und die inneren Kämpfe herunter, weil man Angst hat, durch Sichtbarkeit angreifbar zu werden. Man murmelt ein abwiegendes „War doch nichts Besonderes“, selbst wenn es einen fast die Existenz und alle Kraft gekostet hat. Und das Tragische ist: Nach einer Weile glaubt man die eigene Lüge selbst.
Dieses ständige Kleinhalten und Nicht-Auffallen-Wollen greift tiefer, als wir ahnen. Wenn wir Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ betrachten, sehen wir das Prinzip im Großen. Doch es existiert auch eine Banalität des stillen, alltäglichen Verzichtes auf das eigene Potenzial. Dass man sich blind anpasst. Dass man die Verantwortung für die eigene Wirkung abgibt, weil es bequemer ist. Das ständige Denken von „Ich bin ja nur einer von vielen“ oder „Wer bin ich denn schon, dass ich etwas beanspruche…“ ist im Kern eine subtile Form von Verantwortungsverweigerung – nicht nur sich selbst gegenüber, sondern gegenüber dem Leben selbst, das uns mit Talenten, Wunden und Geschichten ausgestattet hat.
Der Blick in die Forschung: Scham und Perfektionismus Aus wissenschaftlicher Sicht wird in der Schamforschung (insbesondere durch die Arbeiten von Brené Brown) immer wieder belegt, dass übertriebene Bescheidenheit als Rüstung gegen Scham dient. Wer sich präventiv selbst klein macht, nimmt anderen das Werkzeug, ihn herabzusetzen. Es ist ein unbewusster Schutzmechanismus. Gleichzeitig schneidet uns diese Haltung jedoch von der Erfahrung ab, uns selbst als wirksam, wertvoll und substanziell zu erleben. Die Perfektionismus-Forschung (wie jene von Thomas Curran und Andrew Hill) zeigt zudem, dass Menschen, die alles „perfekt“ und fehlerfrei machen wollen, paradoxerweise unter der permanenten Angst leiden, nie genug zu sein. Die Konsequenz: Sie wählen lieber die totale Unsichtbarkeit, um dem Urteil der Welt zu entgehen.

Wie wir uns selbst aus dem Weg gehen
Wie erkennen wir, dass wir unser Licht unter den Scheffel stellen? Oft sind es keine dramatischen Gesten, sondern die kleinen, automatisierten Verhaltensmuster des Alltags:
Das sofortige Suchen nach externen Ausreden oder Zufällen, wenn uns jemand echte Anerkennung schenkt.
Ein tiefes, von Schuldgefühlen begleitetes Unbehagen, wenn wir im Mittelpunkt einer positiven Aufmerksamkeit stehen.
Der Impuls, in Gesprächen eigene Beiträge sofort herunterzuspielen oder die Aufmerksamkeit hastig auf andere zu lenken.
Es geht bei dieser Betrachtung niemals darum, in ein narzisstisches, lautsprecherisches Ego-Verhalten zu verfallen. Es geht darum, ehrlich zu prüfen, ob unsere Bescheidenheit noch eine edle Charaktereigenschaft ist – oder ob sie längst zu einer Festung geworden ist, in der wir uns vor unserem eigenen Leben verstecken.
Eine erhellende Übung zur Selbstbegegnung Nimm dir in einer ruhigen Stunde ein Blatt Papier zur Hand. Schreibe ganz oben den folgenden Satz nieder: „Was würde ich mir und anderen sagen, wenn ich mir selbst erlauben würde, bedingungslos ehrlich zu sein?“ Dann schreibe drauflos. Ohne Filter. Ohne den inneren Zensor, ohne es sofort wieder zu relativieren oder schönzureden. Schreibe auf, was du wirklich geleistet hast, welche Umwege du gemeistert hast, was du durchgestanden hast und was dir im tiefsten Inneren wichtig ist. Diese Übung ist nicht dafür da, sie laut in die Welt hinauszuproklamieren. Sie dient einzig dazu, dass du dir selbst einmal ungeschützt zuhörst. Du wirst überrascht sein, wie viel Substanz du dir selbst tagtäglich verschweigst, nur um der antrainierten Norm der Genügsamkeit zu entsprechen.
Wenn du im Alltag merkst, dass dieser Mechanismus des Kleinredens anspringt, halte kurz inne. Frage dich: „Was würde ich einem guten Freund in dieser Situation raten?“ Wir würden einen Freund niemals dafür tadeln, dass er aufrechten Hauptes zu seinem Weg steht. Warum also tun wir es bei uns selbst? Erlaube dir testweise für eine Woche, jedes Kompliment, jede Anerkennung schlicht mit einem aufrichtigen, nackten „Danke“ anzunehmen. Ohne Erklärung. Ohne Relativierung. Ohne den Satz: „Ach, das war doch nichts.“
Die stille Entscheidung für die Substanz
Was es wirklich bedeutet, sich selbst und seiner eigenen Geschichte mehr zuzutrauen, hat nichts mit einer lauten, heldenhaften Geste zu tun. Es ist eine stille, fast unmerkliche Entscheidung. Eine Entscheidung, nicht mehr automatisch alles kleinzureden, was Substanz hat. Eine Entscheidung, die eigene Leistung, die eigenen Abgründe, die harten Umwege und die mühsam vernarbten Wunden ernst zu nehmen – ohne sie theatralisch zu dramatisieren, aber eben auch ohne sie wegzulügen. Es ist der Entschluss, sich nicht mehr dauerhaft unter den Wert zu verkaufen, nur weil man gelernt hat, dass die Dunkelheit der sichere Ort ist.
Ich habe in den letzten Jahren schmerzhaft gelernt, dass es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen echter Demut und der bloßen Angst vor der Sichtbarkeit. Wahre Demut ist kraftvoll und tief verwurzelt. Sie weiß genau, wo man herkommt, sie kennt die eigenen Grenzen und weiß, dass man nichts im Leben ganz allein erschafft. Die falsche Bescheidenheit hingegen will im Grunde nur eines: Nicht auffallen. Nicht enttäuschen. Nicht angreifbar sein. Sie ist kein Zeichen von Charakterstärke, sondern das Produkt einer tief sitzenden Erstarrung.
Und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche, die lebensverändernde Frage: Was würde in unseren Leben passieren, wenn wir uns selbst und unserer Geschichte etwas mehr Vertrauen schenken würden? Nicht überheblich, nicht großspurig – sondern schlicht und ergreifend ehrlich. Was würde sich verändern, wenn wir aufhörten, unsere eigenen Wege und unsere eigenen Wunden permanent zu entwerten?
Vielleicht beginnt es damit, dass man sich erlaubt zu sagen: „Ja, das hat mich verdammt viel gekostet. Und ja, es hat mir unendlich viel bedeutet.“ Vielleicht beginnt es damit, dass das ewige, lähmende „Wer bin ich denn, dass ich…“ endlich verstummt.
Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist. Bei mir war es lange Zeit so, dass ich dachte, ich müsste mich zeitlebens klein halten, damit ich bloß nicht tief falle. Heute, nach all den Kilometern auf dem Asphalt und im inneren Unterholz, denke ich anders: Ich bin sowieso schon gefallen. Mehrfach. Ich habe den Boden berührt. Und ich bin trotzdem noch hier, ich atme, ich stehe. Also kann ich mir vielleicht auch erlauben, endlich ganz bei mir selbst zu sein. Das ist kein heldenhafter Satz. Es ist ein sehr gewöhnlicher, unprätentiöser Gedanke. Aber er hat in meinem Fundament alles verändert.

Zum Schluss nochmal zu Kyriaki, falls du das hier liest:
Du hast mir an diesem Abend in Hamburg etwas geschenkt, das ich lange nicht hören wollte, aber dringend brauchte. Mit einem einzigen Satz hast du etwas ins Wanken gebracht, das ich jahrelang als „Bescheidenheit oder Demut“ verteidigt habe. Du hast mich daran erinnert, dass es nicht darum geht, nie zu fallen. Es geht darum, wieder aufzustehen, weiter zu machen – und sich selbst dabei nicht ständig klein zu machen.
Wir Deutschen haben uns angewöhnt, sehr schnell zu sagen: „Ich rede nicht mit dir, weil du…“ – weil du anders denkst, weil du anders lebst, weil du anders wählst, weil du anders glaubst. Diese Haltung hat uns über viele Jahrzehnte hinweg klein gehalten. Sie hat verhindert, dass wir wirklich zueinander stehen. Und sie hat verhindert, dass viele von uns ihr eigenes Licht richtig leuchten lassen. Ich glaube, es wird Zeit, dass wir damit aufhören.
Nicht, weil wir alle einer Meinung sein müssen. Sondern weil wir aufhören sollten, uns selbst und einander das Licht abzuerkennen.
Wir sollten unser Licht einschalten. Nicht, um uns in den Vordergrund zu drängen, sondern um für etwas zu leuchten: für Frieden, für ein gutes Miteinander und für den Wohlstand aller Völker – nicht nur des eigenen.
Danke, liebe Kyriaki. Du hast mir mehr gegeben, als du ahnen konntest.

Herzliche Grüße,
Euer Wanderer zwischen den Welten
Harald 🙏🎈👣🙏
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I bin vom Woid dahoam
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