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Freiheit I

vor 5 Tagen
7 Min. Lesezeit

Der Kaffeehaus-Schock an der alten Grenze


Früher Grenzstreifen, heute Transitraum – die Kulisse wechselt, der Geruch von Kontrolle bleibt.
Früher Grenzstreifen, heute Transitraum – die Kulisse wechselt, der Geruch von Kontrolle bleibt.

Hinweis: Handlungen und Dialoge sind frei gestaltet. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und dienen der Verdeutlichung zeitgeschichtlicher Prozesse.


Der graue Septemberregen schlug in harten, unregelmäßigen Schauern gegen die Doppelverglasung des Rasthof-Hotels kurz vor Helmstedt. Draußen zogen die Gischtfahnen der Vierzigtonner über die A2 – jene alte Transitstrecke, die jahrzehntelang den Westen mit der eingemauerten Insel Berlin verbunden hatte. Drinnen roch es nach Maschinenkaffee, warmem Rührei aus dem Edelstahlbehälter und dem feuchten Teppichboden unzähliger durchreisender Vertreter.


Bert starrte auf das Display seines Smartphones. Die Furchen auf seiner Stirn vertieften sich mit jeder Sekunde. Er war Ende fünfzig, das Gesicht wettergegerbt von hunderttausenden Kilometern Autobahn, die Augen müde, aber wach. Bert gehörte zu jener westdeutschen Generation, die im unerschütterlichen Glauben an Rechtsstaat, Marktwirtschaft und Fleiß großgeworden war – und die nun fassungslos zusehen musste, wie das Vertraute unter den eigenen Füßen wegsackte.


Er schüttelte langsam den Kopf, tippte mit dem Finger gegen das Glas und las laut vor:

„Menschen dürfen ihre individuelle Freiheit nicht über die Freiheit der Allgemeinheit stellen…“


 Wenn das Kollektiv über den Einzelnen gestellt wird, stirbt die Freiheit nicht mit einem Knall, sondern bei einer Tasse Kaffee.
 Wenn das Kollektiv über den Einzelnen gestellt wird, stirbt die Freiheit nicht mit einem Knall, sondern bei einer Tasse Kaffee.

Bert lachte auf – ein trockenes, bitteres Geräusch. „Hör dir das an, Mandy. Ein Ministerpräsident. Mitten in Deutschland. Öffentlich zur besten Sendezeit rausgehauen. Die ‚Freiheit der Allgemeinheit‘… Was zur Hölle soll das überhaupt sein? Ein Kollektiv atmet nicht, ein Kollektiv hat keine Schmerzen, kein Herz und kein Gewissen. Nur der einzelne Mensch kann frei sein. Was faseln die da zusammen?“


Mandy schob in diesem Moment ihren Teller mit Schwarzbrot und einem abgepellten Ei an den Resopaltisch, stellte eine Tasse schwarzen Kaffee ab und setzte sich. Sie trug die Haare kurz, praktisch geschnitten; ihre Augen musterten Bert mit jener kühlen, unbestechlichen Nüchternheit, die man sich in vierzig Jahren DDR-Mangelwirtschaft und Anpassungsdruck zulegen musste, wenn man nicht unter die Räder kommen wollte.

„Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, sagte sie lakonisch.


Bert blickte irritiert auf. „Wie bitte?“


„Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, wiederholte Mandy ungerührt und strich Butter auf ihr Brot. „Zehnte Klasse Staatsbürgerkunde. Friedrich Engels, Karl Marx, SED-Parteitag. Das haben sie uns eingebläut, bis es zu den Ohren rauskam. Wenn du die Notwendigkeit der Partei nicht einsiehst, bist du eben noch nicht reif für die Freiheit. Und wer nicht hören will, wandert in den Bau. Ist doch ganz einfach.“


Bert lehnte sich zurück und rieb sich die Nasenwurzel. „Mandy, das ist fast vierzig Jahre her. Wir sind hier nicht in Leipzig 1982. Das Zitat da stammt von einem etablierten Christdemokraten aus Nordrhein-Westfalen. Ich habe im Westen gelernt:

Meine Freiheit endet dort, wo die des anderen beginnt.

"Das war unser Grundgesetz, unsere Lebensversicherung. Solange ich keinem schade, hat der Staat an meinem Leben nichts verloren.“


Mandy hob den Kopf, sah ihm direkt in die Augen und nahm einen langsamen Schluck Kaffee. Ein schmales, wissendes Lächeln legte sich auf ihre Züge.


„Bertchen“, sagte sie leise, „ihr Wessis wart einfach zu satt, zu behäbig und zu naiv, um zu merken, wie man euch den Schirm überm Kopf weggezogen hat. Eure Formel war hübsch, solange das Schaufenster der BRD gegen den Ostblock glänzen musste. Aber was dein Landesvater da formuliert, ist wortidentisch mit dem totalitären Mist, für den sie damals meine Freunde verhaftet und Familien zerstört haben. Nur dass eure Bonzen heute Maßanzüge tragen und das Ganze mit ‚Gemeinwohl‘ und ‚Schutz der Schwachen‘ garnieren.“


Dreißig Jahre Fleiß und Glaube an das System – und am Ende das bittere Erwachen eines Getriebenen.
Dreißig Jahre Fleiß und Glaube an das System – und am Ende das bittere Erwachen eines Getriebenen.

Das Gift der Kollektivierung


Mandy legte das Messer zur Seite und verschränkte die Arme auf der Tischkante.

„Pass mal auf. Wenn jemand sagt, die Freiheit der Allgemeinheit stehe über der Freiheit des Einzelnen, dann meint er in Wahrheit: 

Der Staat bestimmt, wer überhaupt frei sein darf. Es gibt keine ‚Freiheit der Allgemeinheit‘. Das ist eine Sprachhülse, ein Taschenspielertrick. Sobald du das Individuum entmündigst, um ein abstraktes Kollektiv zu retten, hast du die Tyrannei bereits installiert. Denn wer definiert denn, was der Allgemeinheit dient? Der Bürger? Nein. Es sind immer die Funktionäre, die Expertenräte, die Hofschranzen in den Ministerien.“


„Aber der Schutz der anderen…“, warf Bert zögernd ein, mehr aus alter Gewohnheit als aus Überzeugung.


„Hör doch auf!“, schnitt Mandy ihm das Wort ab. „Denk an die letzten Jahre zurück. ‚Freiheit durch Gemeinnützigkeit‘, ‚Freiheit durch Impfung‘, ‚Freiheit durch Verzicht‘. Das ist kein Recht mehr, Bert. Das ist ein Gnadenerweis. Ein Lehen. Du bekommst ein kleines Stückchen Bewegungsmöglichkeit zugeteilt – aber nur, wenn du brav deine Pflichten erfüllst, deinen Fußabdruck zählst, die richtige Fahne schwenkst und keine unbequemen Fragen stellst. Wer abweicht, gefährdet angeblich die ‚Freiheit aller‘ und wird zum Abschuss freigegeben.“


Sie beugte sich vor. „Im Osten hieß das ‚asoziales Verhalten‘ oder ‚staatsfeindliche Hetze‘. Heute heißt es ‚Gefährdung der Demokratie‘ oder ‚Schwurbelei‘. Der Mechanismus ist bis ins Detail derselbe: "Du spazierst nicht mehr auf eigenen Beinen durch dein Land. Du bist ein Bittsteller auf Bewährung.“


Wer die Zelle von innen kennt, riecht den Gestank eines neuen Überwachungsstaates gegen den Wind.
Wer die Zelle von innen kennt, riecht den Gestank eines neuen Überwachungsstaates gegen den Wind.

Berts Kater vom Siegestaumel von 1989


Bert schwieg. Er sah hinaus auf die Autobahn, wo die Scheibenwischer der Lkw im Sekundentakt über das Glas peitschten. Die Worte trafen ihn empfindlich. Sie rührten an eine Wunde, die er jahrelang verdrängt hatte.


„Weißt du, Mandy“, sagte er nach einer Weile, und seine Stimme klang heiser, „als im November 89 die Mauer fiel, da dachte ich wirklich: Wir haben es geschafft. Der Albtraum ist vorbei. Die Freiheit hat gesiegt. Wir haben damals in Hamburg und Frankfurt gestanden, Tränen in den Augen, haben die Leute in den Trabis umarmt und Begrüßungsgeld verteilt. Für uns war die Sache erledigt. Wir dachten: Jetzt legen wir die ideologischen Waffen nieder, fahren nach Hause und bauen gemeinsam am neuen Deutschland. Der Markt regelt das, das Grundgesetz steht bis wir uns eine eigene Verfassung geben, wie eine Festung, und der Sozialismus liegt endgültig auf dem Misthaufen der Geschichte.“


Er schüttelte bitter den Kopf.


„Wir waren besoffen vom vermeintlichen Erfolg, wir meinten, wir haben gegen euch gewonnen ... Völlig verblendet von unserem amerikanisierten Wohlstand. Wir haben uns über eure grauen Städte und die schlechten Straßen beömmelt, haben euch belehrt, wie man Verträge schließt und Versicherungen verkauft uns über euch gestellt. Wir haben überhaupt nicht begriffen, was im Hintergrund ablief. Wir dachten, wir hätten euch befreit. In Wahrheit haben wir nur zugesehen, wie die alten Kader die Parteibücher wechselten und das westliche System von innen auffraßen. Und während wir im Konsumrausch lagen, haben wir die Fundamente unserer eigenen Freiheit an Brüssel, an die Konzerne und an die Bürokratie verscherbelt.“ Wie blöd kann man sein?


Mandys Déjà-vu


Mandy schaute auf ihre Hände. Zarte, schöne Hände, doch auch gezeichnet von harter Arbeit und alten Spuren, über die sie selten sprach.

„Ihr wart blind, Bert. Ihr hattet ja keine Ahnung, wie ein Überwachungsstaat riecht. Ihr kanntet das nur aus dem Fernsehen. Aber wir, die wir drinsteckten, wir kennen den Geruch. Und ich rieche diesen Gestank seit Jahren wieder und zwar sehr intensiv.


Ihre Stimme wurde leiser, fast tonlos, aber jedes Wort saß mit brutaler Härte.


„Es läuft exakt nach demselben Drehbuch ab wie zwischen 1986 und 1989. Damals, als die DDR wirtschaftlich und moralisch am Ende war. Die Funktionäre wussten ganz genau, dass ihnen das Volk entglitt. Und was taten sie? Haben sie eingelenkt? Haben sie die Zügel gelockert? Nein! Sie wurden aggressiver. Die Zensur wurde hysterisch. Wer einen Ausreiseantrag stellte, verlor über Nacht seinen Job. Freunde mieden dich auf der Straße, weil schon ein Gruß verdächtig war. Familien brachen am Küchentisch auseinander, weil der eine an den Sozialismus glauben wollte und der andere einfach nur wegwollte.“


Sie blickte auf. Ihre Augen blitzten kalt.


„Schau dich doch heute um im Jahr 2026. Es ist dasselbe Gift. Die Spaltung geht mitten durch die Familien, mitten durch die Freundschaften. Wer die falschen Fragen zu Kriegen, zum Geld oder zur Politik stellt, ist plötzlich kein Nachbar mehr, sondern ein Aussätziger. Kontaktschuld. Zersetzung. Die Leute trauen sich am Arbeitsplatz nicht mehr, ihre Meinung zu sagen, sie flüstern hinter vorgehaltener Hand – genau wie wir damals in der Werkskantine. Und wer kann, packt seine Koffer und geht. Damals flohen sie über Ungarn und Prag; heute wandern die klugen Köpfe und das Kapital klammheimlich nach Übersee oder in die Berge ab.“


Mandy schob ihre leere Kaffeetasse beiseite und lehnte sich heran.


„Glaubst du wirklich, die Stasi-Methoden sind 1989 im Reißwolf gelandet? Vergiss es. Vierzig Jahre zuvor hatten die Altnazis die bundesdeutsche Justiz, die Verwaltung und die Universitäten besetzt – und nach der Wende haben sich die alten Seilschaften der Stasi und der Funktionäre nahtlos in die NGOs, die Ministerien und den Medienapparat eingeklinkt. Das Ergebnis siehst du heute: Eine toxische, grün-rot-graue Einheitsfront, die im transatlantischen Schlepptau unser Land an die Wand fährt. Und das Schlimmste daran: Sie nennen diesen Zwang auch noch ‚Freiheit‘.“


Bert starrte Mandy an. Im Raum hörte man nur das Surren des Kaffeevollautomaten.

„Und was bleibt uns dann noch?“, fragte er leise. „Wenn kein System, keine Grenze und kein Gesetz uns schützt – wo fängt Freiheit dann überhaupt noch an?“


Mandy schmunzelte. Es war das erste Mal an diesem Morgen, dass ihr Blick weich wurde.


Freiheit, mein lieber Bert, fängt da an, wo du aufhörst, bei denen um Erlaubnis zu betteln. Aber dafür musst du erst einmal lernen, wie man nackt im Wind steht, ohne zu zittern.“


Bert saß regungslos da. Der Regen an den Scheiben des Rasthofes schien plötzlich lauter zu trommeln. Wenn selbst das Grundgesetz kein verlässlicher Schild mehr war und die alten Mechanismen der Kontrolle mitten in der Bundesrepublik wieder auferstanden – gab es dann überhaupt noch einen Ort auf dieser Welt, an dem ein Mensch souverän sein durfte? Was war mit den Amerikanern und ihren Waffen? Was mit alten Titeln oder dem scheinbar unantastbaren Vorzeigeland Schweiz? Im zweiten Teil macht Bert sich auf die Suche nach Zufluchtsorten – und erlebt, wie auch die letzten großen Mythen der Freiheit in sich zusammenbrechen. 


1989 fielen die Mauern aus Beton – dann wuchsen die Zäune lautlos in den Köpfen.
1989 fielen die Mauern aus Beton – dann wuchsen die Zäune lautlos in den Köpfen.

Euer Wanderer zwischen den Welten


Harald 🙏🎈👣🙏


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