Freiheit III
Nackt vor Gott und der Natur

Die Flucht vor der Wahrheit lässt sich auf vier Rädern erstaunlich komfortabel gestalten – zumindest solange der Tank voll ist und die Klimaanlage summt. Doch kein Algorithmus der Welt kann ein zerrüttetes Weltbild kitten, wenn die Reise unweigerlich dorthin führt, wo der Asphalt aufhört.
Das rollende Schützengraben-Gehäuse
Der Dienstwagen – ein schwerer, anthrazitgrauer 5er BMW mit Allradantrieb, adaptiver Fahrwerksregelung und digitalem Cockpit – glitt mit 160 über die regennasse A2 Richtung Magdeburg. Scheibenwischer auf Automatik, Zweizonen-Klimaautomatik auf exakt 21,5 Grad temperiert. Im Innenraum herrschte jenes gedämpfte Flüstern deutscher Ingenieurskunst, das Bert seit dreißig Jahren das Gefühl gab, unangreifbar zu sein. Hier drin war er Herr der Lage. Hier bestimmte er die Route, die Musik und die Raumtemperatur.
Mandy saß auf dem Beifahrersitz, die Füße in abgetragenen Wanderschuhen ungeniert auf das lederbezogene Armaturenbrett gestützt. Sie kaute an einem Apfel, den sie sich am Frühstücksbuffet eingesteckt hatte.
„Nimm bitte die Füße runter, Mandy. Das Leder“, brummte Bert, ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen. Seine Knöchel traten weiß hervor, so fest umklammerte er das Lenkrad.
Mandy grinste breit, nahm die Füße aber nicht herunter. „Weißt du, was dieses Auto für dich ist, Bertchen? Dein persönlicher Panzerspähwagen. Deine rollende Ritterrüstung. Hier drin fühlst du dich wie ein König, weil du Knöpfe drücken kannst, die dir ein Algorithmus vorprogrammiert hat. Du hast eine Vollkaskoversicherung für die Karre, eine private Krankenversicherung für deine Zähne, einen Bausparvertrag für die Rente und einen Wust aus Verträgen, die dir vorgaukeln, dass dir irgendetwas auf dieser Welt gehört.“
„Es reicht langsam, Mandy“, fuhr Bert sie an. Seine Stimme zitterte leicht. „Ich habe für jeden verdammten Cent hart gearbeitet! Ich habe mir diesen Status aufgebaut. Was ist falsch daran, Sicherheit zu wollen? Du tust ja gerade so, als wäre mein ganzes Leben ein einziges Verbrechen gewesen!“
„Kein Verbrechen, mein Lieber. Eine Tragödie“, sagte sie seelenruhig. „Nächste Ausfahrt runter.“
„Wie, runter? Wir müssen nach Haldensleben, der Kunde wartet um elf!“
„Fahr ab, habe ich gesagt. Der Kunde wartet auch um zwölf. Du bist kurz vor dem Herzinfarkt, Bert. Schau dir deinen Puls an, dein schlaues Auto piept doch gleich los. Da vorne, Richtung Elbe. Zieh raus.“
Fluchend riss Bert das Steuer herum. Die Reifen quietschten auf dem nassen Asphalt der Ausfahrt Bornstedt. Fünf Minuten später rumpelte die 70.000-Euro-Limousine über einen schlaglochübersäten Feldweg, vorbei an verrotteten Betonsilos einer ehemaligen LPG, hinein in den dichten Auwald der Elbauen.
Der Schock an der Elbe
Der Wagen kam auf einer schlammigen Lichtung zum Stehen. Vor ihnen lag ein toter Seitenarm des Flusses – graugrünes, stilles Wasser, über dem dichte Nebelschwaden hingen. Der Regen hatte aufgehört, die Luft roch nach feuchter Weidenrinde, totem Laub und kaltem Schlamm.
„Und was machen wir jetzt hier?“, stieß Bert hervor, während er den Start-Stopp-Knopf drückte. Die Stille im Auto schlug ihm mit den Ohren wie eine Ohrfeige.

Mandy antwortete nicht. Sie stieß die Beifahrertür auf, stieg aus und atmete tief die feuchte, erdige Luft ein. Dann ging sie um den Wagen herum, stellte sich an die Uferböschung – und begann ohne ein Wort, ihren Pullover über den Kopf zu ziehen.
Bert starrte sie durch die Windschutzscheibe an. Seine Augen weiteten sich. „Mandy? Was… was machst du da?“
Mandy streifte das Unterhemd ab. Ihre weißen Schultern dampften in der kühlen Septemberluft. Sie bückte sich, löste die Schnürsenkel ihrer Schuhe, zog Hose und Socken aus. Binnen zwanzig Sekunden stand sie vollkommen nackt auf dem feuchten Uferkies. Ihr Körper war sehnig, die Haut gezeichnet von Wind, Wetter und der Härte eines Lebens, das keine Schonung gekannt hatte.
Berts Herz raste. Panik kroch ihm in die Kehle. Er riss die Wagentür auf, sprang heraus und fuchtelte mit den Armen.
„Bist du völlig übergeschnappt?!“, schrie er, und seine Stimme überschlug sich. Er sah sich hastig um, suchte das Unterholz ab, als lauerte hinter jeder Pappel ein Streifenwagen. „Zieh dich sofort an! Spinnst du? Wir sind hier in der Öffentlichkeit! Da drüben ist ein Spazierweg! Hier kann jeden Moment ein Förster kommen, Spaziergänger, spielende Kinder! Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses! Das ist strafbar, verdammt noch mal!“

Mandy drehte sich langsam zu ihm um. Sie sah ihn an – nackt, aufrecht, mit herabhängenden Armen, ohne den Hauch einer Scham, ohne die geringste Hast. Ihr Blick war von einer schneidenden, fast furchterregenden Klarheit.
„Erregung öffentlichen Ärgernisses“, wiederholte sie leise, und in ihrer Stimme lag kein Spott mehr, sondern blanke Verachtung für seine Furcht. „Schau dich doch an, Bert! Du zitterst! Ein gestandener Kerl von fast sechzig Jahren bekommt Schnappatmung, weil eine nackte Frau an einem einsamen Fluss vor ihm steht! Vor wem hast du Angst? Vor dem Förster? Vor den Gesetzen? Vor den Nachbarn? Vor deiner eigenen Haut?“
„Es gehört sich nicht!“, brüllte Bert, das Gesicht puterrot, die Hände zu Fäusten geballt. „Es gibt Anstand! Es gibt Regeln! Man zieht sich in diesem Land nicht einfach mitten im Wald aus!“
„Welche Regeln denn, du dressierter Affe?“, schleuderte Mandy ihm entgegen. Ihre Stimme hallte über das tote Wasser. „Die Regeln deiner verklemmten, scheinheiligen BRD-Wohlstandsgesellschaft? Ihr habt euch von euren Pfaffen, euren Politikern und euren Werbefritzen einreden lassen, dass der nackte Körper eine Schande ist, eine Ware oder ein Verbrechen! Ihr habt eure Leiber in teure Markenklamotten gepackt, um Status vorzugaukeln, und habt dabei vergessen, was ein lebendiger Mensch überhaupt ist!“
Die Weigerung, Uniform zu tragen
Mandy watete langsam ins eiskalte Wasser der Elbe. Sie tauchte bis zu den Knien ein, bückte sich, wusch sich das Gesicht mit dem Flusswasser und wandte sich wieder zu ihm um. Die Wassertropfen glänzten auf ihrer Haut.
„Weißt du, was die Ostsee für uns war, Bert? Prerow, Hiddensee, der Darß? FKK war in der DDR keine perverse Strandgaudi für Exhibitionisten. Es war der einzige Ort im ganzen verdammten Arbeiter- und Bauernstaat, an dem wir wirklich frei waren!“
Bert stand am Ufer, die Absätze seiner handgenähten Lederschuhe im Schlamm versunken, unfähig, sich zu bewegen oder den Blick abzuwenden.
„Am FKK-Strand gab es keine Parteiabzeichen!“, rief Mandy gegen das Glucksen der Strömung an. „Da gab es keine Schulterklappen, keine FDJ-Blusen, keine Maßanzüge und keine Westpakete! Da lag der LPG-Bauer neben dem Physikprofessor, und der Stasi-Oberstleutnant sah mit seinem Hängebauch genauso erbärmlich aus wie der Fabrikarbeiter. Du konntest den Menschen nicht mehr nach seiner Uniform beurteilen. Du hast ihm in die Augen gesehen – nackt vor den Wellen, nackt vor dem Wind. Die Bonzen haben diesen Strand gehasst wie die Pest. Sie haben Wachtürme an die Dünen gebaut, mit Maschinengewehren! Und wir lagen da unten, splitternackt im Sand, und haben den Arsch in die Ostsee gehalten. Das war unsere stumme, absolute Verweigerung. Die konnten unsere Pässe stempeln, die konnten unsere Telefone abhören, die konnten uns einsperren – aber wenn wir die Hüllen fallen ließen, gehörte unser Körper uns und der Natur. Und niemandem sonst.“
Sie trat aus dem Wasser, schüttelte das kalte Nass von den Beinen und trat direkt vor Bert. Sie roch nach Schilf, nach kaltem Wasser, nach reinem Leben.

„Und ihr?“, flüsterte sie. „Ihr habt den FKK-Strand im Westen zum Schmuddelkram degradiert. Für euch durfte Nacktheit nur existieren, wenn man damit Autos verkaufen oder Pornos drehen konnte. Ihr wart so stolz auf eure Reisefreiheit nach Mallorca, aber in Wahrheit seid ihr in euren eigenen Köpfen Gefangene geblieben. Ihr könnt euch nicht einmal mehr ausziehen, ohne nach dem Paragraphen zu schielen.“
Was Jesus und Maria Magdalena wussten
Bert rang nach Fassung. Ein Zittern lief durch seine Beine, stieg über den Bauch in seine Brust auf. Es war nicht die Kälte. Es war das schmerzhafte Zerspringen einer inneren Mauer, die er ein halbes Jahrhundert lang mit Pflichterfüllung, Konventionen und Statusdünkel gemauert hatte.
„Das… das ist primitiv, Mandy“, brachte er mühsam heraus, doch seine Stimme klang hohl, wie aus großer Ferne. „Wir sind zivilisierte Menschen. Wir haben Werte. Wir haben eine christliche Kultur…“
Mandy lachte laut und schneidend auf. „Christliche Kultur? Dass ich nicht lache! Welche denn? Die Kultur eurer verfetteten Amtskirchen, die heute vor jeder Regierungskampagne den Bückling machen und ihren eigenen Glauben für ein bisschen Wohlwollen der Medien verraten?“
Sie packte ihn an den Revers seines teuren Wolljacketts. Ihre nassen Finger hinterließen dunkle Flecken auf dem feinen Zwirn.
„Was weißt denn du von Jesus, Bert? Nichts! Gar nichts! Du kennst den weichgespülten Holzjesus von der Kanzel, der brav Steuern zahlt und die andere Wange hinhält, damit die Obrigkeit besser zuschlagen kann! Weißt du, wer Jesus wirklich war? Der gefährlichste Rebell, den die römische Besatzungsmacht und die Hohepriester je gesehen haben! Er ist in ihren Tempel marschiert und hat den Bankern die Tische umgeworfen! Er hat den Pharisäern ins Gesicht gesagt, dass sie übertünchte Gräber sind – außen glänzend, innen voller Moder und Fäulnis!
Seine Freiheit war radikal:
Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!
Nicht das römische Gesetz, nicht die Beschneidung des Fleisches, nicht der Buchstabe der Schrift! Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig!“
Sie ließ ihn los und trat einen Schritt zurück.
„Und Maria Magdalena? Die Frau, die eure römischen Kirchenväter zur schmutzigen Hure degradiert haben, weil sie ihre Kraft nicht ertragen konnten! Lies doch mal die Evangelien, die sie aus der Bibel herauszensiert haben, weil sie den Machthabern zu gefährlich waren! Im Evangelium der Maria steht die ganze Wahrheit über die Freiheit der Seele. Maria Magdalena hat begriffen, worum es geht: Die Seele steigt auf, jenseits aller weltlichen Hierarchien, jenseits der Angst vor den Richtern dieser Erde. Freiheit ist die Erkenntnis deines göttlichen Urgrunds. Wenn du weißt, wer du bist, kann dich kein König, kein Generalsekretär und kein Ministerpräsident mehr knechten. Sie können dein Fleisch in Ketten legen, sie können dich schlagen, sie können dich kreuzigen – aber sie können deinen Geist nicht zwingen, ihre Lügen nachzubeten!“
Das Zerbrechen der Rüstung
Bert starrte sie an. Die Welt um ihn herum schien sich aufzulösen. Die Elbe, der Nebel, der 5er BMW auf der schlammigen Wiese, sein ganzer Terminkalender, seine Altersvorsorge, sein mühsam konserviertes Weltbild von Ordnung, Anstand und bürgerlicher Wohlanständigkeit – alles schmolz zusammen zu einer winzigen, lächerlichen Farce.
Plötzlich spürte er einen Druck auf der Brust, der ihm den Atem abschnürte. Die Jahre des Suchens, die unterdrückte Wut über die Heuchelei im Land, das Gefühl, ein getriebener Gefangener im eigenen Arbeitsleben zu sein – alles brach auf einmal hervor.
„Halt den Mund…“, keuchte er.
„Zieh den Mantel aus, Bert.“
„Halt die Klappe, Mandy, bitte…“ Tränen traten ihm in die Augen, brannten heiß auf den Wangen.
„Zieh die Rüstung aus!“, forderte sie unbarmherzig. „Steh auf deinen eigenen Beinen! Nicht als Vertreter, nicht als Steuerzahler, nicht als Wessi! Als Mensch!“
Bert stieß einen Schrei aus – ein langes, kehliges Brüllen von Schmerz und Wut, das tief aus seiner Kehle kam und das Schweigen der Auenlandschaft zerriss. Er riss sich das Jackett von den Schultern und schleuderte es in den Matsch. Seine Finger zitterten so heftig, dass er die Krawatte nicht aufbekam; er riss daran, bis die Seide riss und die Knöpfe seines weißen Hemdes über den Kies sprangen. Er riss sich das Hemd vom Leib, trat die Lederschuhe von den Füßen, streifte die Socken ab.
Er stand da im eiskalten Schlamm, die Brust keuchend gehoben, Tränen und Schweiß auf den Wangen, die Haut übersät von Gänsehaut.

Zum ersten Mal seit vierzig Jahren spürte Bert den kalten Wind ungeschützt auf seiner nackten Haut. Es tat weh. Es brannte wie Feuer. Aber es war das erste Mal seit dem Mauerfall 1989, dass er spürte, dass er noch lebte.
Mandy stand neben ihm. Sie lachte nicht mehr. Sie nahm ruhig ihre eigene Decke aus dem Kofferraum, legte sie ihm um die zitternden Schultern und blickte über das Wasser.
„Siehst du, Bertchen“, sagte sie leise. „Genau hier fängt es an. Und jetzt zeige ich dir, wie man aus diesem Schlamm heraus die Rosen blühen lässt.“
Die Seidenkrawatte war zerrissen, das teure Tuch lag im Dreck, und Berts Schrei war im Rauschen der Auen verklungen. Die Rüstung war zerbrochen, doch was baute man auf den Trümmern auf? Im vierten Teil stellt sich die unausweichliche Frage nach dem Morgen: Wem gibt man seine Stimme, wenn das ganze Parteiensystem eine Farce ist? Mandy enthüllt das „Rosen-Prinzip“ – die handfeste Anleitung zur gelebten Autonomie zwischen Ackerfurche, Stille und unantastbarer Würde.
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Harald 🙏🎈👣🙏
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I bin vom Woid dahoam
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