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Freiheit II

vor 2 Tagen
9 Min. Lesezeit

Die Illusion der Völker


Freiheit beginnt nicht im Gesetzbuch, sondern im Moment, in dem die Angst vor dem Urteil der anderen stirbt.
Freiheit beginnt nicht im Gesetzbuch, sondern im Moment, in dem die Angst vor dem Urteil der anderen stirbt.

Waffen, Mythen und die Eidgenossen


Wer begreift, dass die eigenen Mauern morsch sind, sucht reflexartig nach Fluchtwegen jenseits der Grenze. Am Frühstückstisch in Helmstedt klammerte sich Bert an die letzten verbliebenen Bastionen seiner westlichen Vorstellungswelt: das bewaffnete Amerika, juristische Schlupflöcher und die erhabenen Gipfel der Eidgenossen. 


Der Colt am Gürtel

Bert stand auf, ging mit schweren Schritten zum Kaffeeautomaten und ließ sich eine zweite Tasse heraus, diesmal schwarz, ohne Milch. Das Brummen des Mahlwerks übertönte für ein paar Sekunden das gleichförmige Rauschen der A2 draußen vor der Scheibe. Als er an den Tisch zurückkehrte, wirkte sein Blick verändert – rastlos, auf der Suche nach einem Ausweg aus der Enge, die Mandys Worte im Raum hinterlassen hatten.


„Gut, Mandy“, begann er und stellte die Tasse so energisch ab, dass der Kaffee leicht über den Rand schwappte. „Nehmen wir an, Deutschland ist eine Sackgasse. Aber irgendwo auf diesem Planeten muss es das doch geben. Einen Ort, an dem der Bürger Bürger ist und kein Schutzbefohlener. Schau dir die Amerikaner an. Warum darf drüben jeder Hinz und Kunz ein Sturmgewehr im Schrank haben, während bei uns schon ein Schweizer Taschenmesser mit feststellbarer Klinge ein Verstoß gegen das Waffengesetz ist? Die Amerikaner lassen sich das jedenfalls nicht gefallen. Die haben ihre Freiheit in Blei gegossen.“


Mandy biss bedächtig in ihre zweite Scheibe Brot, kaute zu Ende und sah ihn mit einem Blick an, der halb Mitleid, halb Belustigung verriet.


„Du fällst auch auf jeden Hollywood-Schinken rein, Bert“, sagte sie trocken. „Der Amerikaner und seine Knarre. Weißt du überhaupt, warum die das dürfen?“


„Weil sie frei sind!“, entgegnete Bert. „Second Amendment. Das Recht, Waffen zu tragen. Die Gründerväter wussten, dass ein bewaffnetes Volk nicht tyrannisiert werden kann.“


„Genau da liegt der historische Unterschied – aber eben nur der historische“, konterte Mandy und tippte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. „Die amerikanischen Pioniere misstrauten jedem König, jedem stehenden Heer und jeder Zentralregierung. Die haben die Waffe nicht im Schrank, um Rehe zu schießen oder Einbrecher zu jagen. Das Ding ist historisch das Notwehrrecht gegen die eigene Regierung. Die Botschaft lautete:

Wenn ihr da oben verrücktspielt, holen wir euch aus dem Kapitol. Bei denen galt:

Der Bürger ist der Souverän, und der Staat ist ein gefährlicher Hund an der Kette.“


Sie machte eine kurze Pause und fixierte Bert.


„Und was hat der Deutsche gelernt? Obrigkeitshörigkeit von der Wiege bis zur Bahre. Preußischer Kadavergehorsam, veredelt durch Hegels Staatsphilosophie. Bei uns gilt der Staat nicht als Bestie, die man zähmen muss, sondern als gütiger Landesvater, der für Ruhe und Ordnung sorgt. In Deutschland hat der Bürger kein Recht auf Selbstverteidigung gegen die Willkür der Macht – der Staat beansprucht das sogenannte Gewaltmonopol. Der deutsche Untertan gibt seine Waffen freiwillig an der Garderobe ab, bedankt sich artig für die Quittung und glaubt, damit hätte er sich Sicherheit gekauft. Entwaffnet nach dem Ersten Weltkrieg, entwaffnet unter den Nazis, entwaffnet von den Alliierten, entwaffnet in der DDR sowieso – und in der BRD wirst du schon kriminalisiert, wenn du Pfefferspray in der Jackentasche hast.“


Bert runzelte die Stirn. „Aber die Amerikaner haben dieses Recht doch noch immer. Das beweist doch…“




„Was beweist das denn im Jahr 2026?“, schnitt Mandy ihm schneidend das Wort ab. „Schau doch genau hin! Die dürfen ihre Colts putzen und Sturmgewehre im Supermarkt kaufen, während der Überwachungsstaat der NSA jeden ihrer Atemzüge digital protokolliert. Die dürfen schießen – aber ihre Bankkonten werden eingefroren, wenn sie die falsche politische Bewegung finanzieren. Sie dürfen ballern, während Großkonzerne und die Fed ihr Geld entwerten und ihre Kinder mit synthetischen Opiaten vergiften. Was nützt dir eine AR-15 im Keller, wenn du geistig und finanziell an der Leine der Wall Street und des Pentagon hängst? Die Knarre ist drüben das Beruhigungspflaster für den Stolz des weißen Mannes – eine Folklore der Freiheit, während die Kette längst digital und unsichtbar um seinen Hals liegt.“


Bert schluckte. Er wollte widersprechen, doch das Bild des bewaffneten, aber völlig gläsernen Amerikaners traf ihn mit derselben Wucht wie zuvor die DDR-Vergleiche.


„Also ist auch Amerika nur eine Kulisse?“, murmelte er.


„Ein gigantisches Freilufttheater“, antwortete Mandy kalt. „Gleicher Zirkus, nur mit besserem Feuerwerk.“


Der Freiherr auf dem Papier


Bert schwieg einen Moment, starrte ins Leere und trommelte nervös mit den Fingern auf die Resopalplatte. Sein Blick wanderte über die anderen Frühstücksgäste – Geschäftsreisende, die hastig Mails auf Laptops überflogen, brav ihre Plastikkarten an die Lesegeräte hielten und gehetzt den Tag planten.


„Weißt du, worüber ich in letzter Zeit immer öfter nachdenke?“, fragte er leise, beinahe verschwörerisch. „Es muss doch juristische Hebel geben. Schlupflöcher im System. Was ist eigentlich mit den alten Titeln? Ein Freiherr zum Beispiel. Historisch gesehen war ein Freiherr reichsunmittelbar – der unterstand direkt dem Kaiser, keinem Landesfürsten, keinem Magistrat. Auf seiner Scholle war er der Herr. Was wäre denn, wenn man seinen Namen ändert? Wenn man sich den Freiherrn eintragen lässt oder so einen Titel erwirbt? Wäre man dann nicht wenigstens auf dem Papier ein Stück weit freier? Ein unantastbarer Bürger, der dem Staat die Grenzen aufzeigt?“


Mandy hielt die Kaffeetasse auf halbem Weg zum Mund an. Sie sah ihn entgeistert an, setzte die Tasse geräuschvoll ab und schlug die Hände vor das Gesicht. Dann schüttelte sie fassungslos den Kopf.


„Bert, sag mal, spinnst du jetzt komplett?“, platzte es aus ihr heraus, halb lachend, halb zornig. „Ein Freiherr? Du willst dir ein Adelskrönchen auf den Personalausweis stempeln lassen, damit das Finanzamt vor Ehrfurcht erstarrt?“


„Ich frage ja nur!“, verteidigte sich Bert, dem das Ganze sichtlich unangenehm wurde. „Es gibt Leute, die behaupten, mit dem richtigen Status…“


„…könne man dem System ein Schnippchen schlagen. Ich kenne diesen Schwachsinn!“, unterbrach Mandy ihn scharf. „Das ist die typisch deutsche Ur-Krankheit: der Glaube, man könne die Sklaverei mit einem amtlich beglaubigten Formular abschaffen! Ein Sklave, der sich ‚Freiherr von und zu‘ auf sein Halseisen gravieren lässt, trägt immer noch ein Halseisen.“


Sie lehnte sich über den Tisch, die Stimme schneidend präzise:


Freiheit per Persilschein?
Freiheit per Persilschein?

„Hör mir mal genau zu. Der historische Freiherr war im Heiligen Römischen Reich frei, weil er Grund besaß, eigene Leute unter Waffen hatte und dem Kaiser die Stirn bieten konnte. Er war frei durch reale Macht und Unabhängigkeit – nicht durch ein Stück Papier vom Einwohnermeldeamt! Und was ist davon übrig? Seit 1919, seit der Weimarer Reichsverfassung, Artikel 109, gibt es in Deutschland überhaupt keinen Adel mehr. Die Titel sind zu lächerlichen Namensanhängseln degradiert worden. Glaubst du ernsthaft, das Namensänderungsgesetz erlaubt dir, dir einfach ‚Freiherr‘ in den Pass zu schreiben? Und selbst wenn du eine verarmte Gräfin heiratest oder dich von einem Greis adoptieren lässt: Meinst du, die Betriebsprüfung zieht ab, weil du ‚Freiherr Bert‘ heißt?“


Bert zog den Kopf ein. Mandy redete sich in Rage:


„Das ist derselbe traurige Zirkus wie diese Typen mit ihren gelben Scheinen, Fantasiepässen und selbstgebastelten Urkunden. Sie glauben, wenn sie die richtigen juristischen Zaubersprüche aufsagen, lässt die Staatsgewalt sie in Ruhe. Weißt du, was die Staatsgewalt macht, wenn du ihr mit solchen Papieren kommst? Sie lacht dich aus, schickt den Gerichtsvollzieher und wenn du nicht parierst, die Hundertschaft mit dem Rammbock. Weil der Staat das Monopol auf Gewalt hat. Papier schützt dich vor gar nichts, Bert. Freiheit kauft man nicht beim Standesamt, und man ergaunert sie sich nicht mit juristischen Taschenspielertricks. Wer seine Freiheit von einer behördlichen Urkunde abhängig macht, hat das Wesen der Unterwerfung noch nicht im Ansatz begriffen.“


Bert atmete schwer ein. Mandy hatte ihm die nächste Illusion zertrümmert – illusionslos, sachlich und mit der Härte einer Frau, die wusste, wie wenig Papiere wert sind, wenn die Zellentür ins Schloss fällt.


„Schön“, sagte Bert bitter. „Keine Waffen, keine Titel, kein Schutz vor der eigenen Obrigkeit. Aber was ist mit den Nachbarn? Was ist mit der Schweiz? Das war doch immer das Bollwerk der Freiheit in Europa.“


Mandy schmunzelte grimmig.


Der Schweizer Sündenfall


Der Mythos von Rütli und Armbrust – und die nüchterne Realität digitaler Vollüberwachung.
Der Mythos von Rütli und Armbrust – und die nüchterne Realität digitaler Vollüberwachung.

Mandy stieß ein trockenes, kehliges Lachen aus, das zwei Geschäftsreisende am Nebentisch kurz zusammenzucken ließ. Sie schob ihre Kaffeetasse beiseite und stützte die Ellbogen auf den Tisch.


„Die Eidgenossen! Na klar, Bert. Der letzte weiße Fleck auf der westlichen Landkarte der Sehnsüchte. Wilhelm Tell, Matterhorn, direkte Demokratie und der Mythos vom freien Bergbauern, der keinem Fürsten weicht. Weißt du, wann die Schweizer ihre Seele an die globale Maschinerie verkauft hat?“


„Anfang der 2000er?“, riet Bert vorsichtig.


„Volltreffer“, nickte Mandy. „Es war keine plötzliche Explosion, sondern eine schleichende, feige Kapitulation in drei Akten. Sieh dir das alte Modell an: Subsidiarität von unten nach oben. Die Gemeinde entscheidet, der Kanton schützt, Bern hält gefälligst die Füße still. Dazu das Milizsystem – der Bürger verteidigt sein Tal selbst. Und das Bankgeheimnis von 1934 war ursprünglich keine Erfindung für Gauner, sondern der Schutzwall der bürgerlichen Privatsphäre gegen die Schnüffelei totalitärer Nachbarn. Das Private war heilig.“


Sie beugte sich näher zu ihm, ihre Stimme schnitt durch den Raum wie ein Skalpell.


„Und dann kamen die Amerikaner und die EU. 2008, 2009. UBS-Krise, Drohungen aus Washington mit Kontensperren, schwarze Listen der OECD. Und was taten die stolzen Eidgenossen? Sie sind eingeknickt wie ein morscher Zaunpfahl. Der Bundesrat ist auf die Knie gegangen, hat das Bankgeheimnis gegenüber dem Ausland beerdigt und den automatischen Informationsaustausch unterschrieben. Über Nacht machten sich die Schweizer Banken und Behörden zum verlängerten Arm fremder Finanzämter und Geheimdienste. Aus dem Schutzraum des freien Bürgers wurde das Aquarium des gläsernen Kunden.“


Bert nickte langsam. „Aber die direkte Demokratie… das Volk kann doch immer noch abstimmen.“


„Ach, Bertchen, wach doch endlich auf!“, winkte Mandy ab. „Frag mal die Schweizer, was 2020 bis 2022 passiert ist. Ausgerechnet im Urland des Föderalismus regierte der Bundesrat monatelang per Notrecht! Die haben die Bundesverfassung faktisch ausgehebelt, das Parlament ins Abseits gestellt und das Land mit Zertifikaten und Verordnungen gespalten. Da durftest du plötzlich nur noch mit behördlicher Genehmigung ins Restaurant oder an die Universität. Grundrechte auf Zuteilung – genau wie bei uns im Osten! Zwar durften sie hinterher darüber abstimmen, aber da hatte die mediale Einschüchterungsmaschinerie die Leute längst weichgeklopft.“


Sie atmete tief durch, ihre Augen verengten sich.


„Und der letzte Sargnagel kam gleich hinterher: Das Schleifen der Neutralität. Über fünfhundert Jahre lang war die bewaffnete Neutralität das Fundament der Schweiz. Sie war der Grund, warum die Welt dort verhandelt hat, warum das Land zwei Weltkriege unbeschadet überstand. Und was haben sie getan? Sie haben sich 2022 brav ins westliche Sanktionsregime eingereiht. Sie marschieren im Gleichschritt mit Brüssel und Washington. Damit ist der Mythos tot. Wer Partei ergreift und fremde Kriege wirtschaftlich füttert, ist kein neutraler Schlichter mehr. Die Schweiz ist heute ein stinknormaler, überregulierter europäischer Vasall mit schöner Alpenkulisse. Teurer als der Rest, aber um keinen Deut freier.“


4. Das Trümmerfeld der Systeme

Draußen peitschte eine Windböe dicke Tropfen gegen die Scheibe. Die A2 lag unter einer grauen Dunstglocke; die Scheinwerfer der Lastwagen zogen wie trübe Lichtpunkte durch das Niemandsland zwischen West und Ost.


Bert saß da, den Kopf auf die Hände gestützt. Seine Kaffeetasse war kalt. Die Fassade seiner Gewissheiten lag in Trümmern.


„Es gibt also keinen Ort“, sagte er tonlos ins Halbdunkel des Frühstücksraums. „Kein Land, kein System, keine Verfassung, keinen Pass. Weder die Amerikaner mit ihren Knarren noch wir mit unserem Grundgesetz, und die Schweizer schon gar nicht. Jeder Staat frisst am Ende die Freiheit seiner Bürger auf. Am Anfang verspricht er Schutz, und am Ende baut er Zäune.“


„Guten Morgen, Bert“, sagte Mandy leise, und diesmal schwang kein Spott in ihrer Stimme mit, sondern eine seltsame, tiefe Ruhe. „Du fängst endlich an zu sehen.“


„Aber das ist doch die Hölle“, flüsterte er. „Das bedeutet doch, dass Freiheit eine Illusion ist. Ein feuchter Traum von Dichtern und Philosophen, den es in der Wirklichkeit nie gegeben hat und nie geben wird.“


„Falsch“, entgegnete Mandy bestimmt. Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm – fest, warm, unerschütterlich. „Freiheit ist keine Illusion. Sie ist das Realste, was ein Mensch überhaupt besitzen kann. Aber ihr habt sie am falschen Ort gesucht. Ihr habt gedacht, Freiheit wäre ein Produkt, das man im Schaufenster kauft, eine Klausel im Grundgesetz oder ein Stempel im Pass. Ihr habt eure Freiheit an Parlamente, Banken und Richter delegiert – und euch gewundert, dass man sie euch wegnimmt, sobald der Wind dreht.“


Sie stand auf, strich ihren Pullover glatt und blickte hinunter auf Bert.


„Wenn du wissen willst, was Freiheit wirklich ist, musst du aufhören, nach Gesetzen zu fragen. Du musst lernen, was es heißt, nackt vor der Schöpfung zu stehen. Ohne Uniform, ohne Titel, ohne Parteibuch und ohne die verdammte Angst davor, was die Nachbarn oder die Tagesschau über dich denken.“


Bert blickte auf. „Und wie soll das gehen?“


Mandy lächelte – ein freies, fast wildes Lächeln.


„Komm mit raus, Bert. Lass uns den Wagen nehmen. Unterwegs erzähle ich dir von den Stränden an der Ostsee, von FKK im Angesicht der Wachtürme – und warum ausgerechnet ein Wanderprediger aus Galiläa und eine verfemte Frau namens Maria Magdalena mehr über Freiheit wussten als alle Ministerpräsidenten dieser verlotterten Republik zusammen.“


Mandy hatte das Trümmerfeld vollendet. Weder Gesetze noch Grenzen, weder Banken noch Waffen boten einen sicheren Hafen. Doch wo Systeme versagen, beginnt der eigentliche Mensch. Im dritten Teil verlassen die beiden die graue Transitstrecke der A2. In den schlammigen Elbauen prallt Berts gepanzerte Wohlstandswelt auf eine radikale Konfrontation: Was passiert, wenn alle Hüllen fallen – und warum ausgerechnet der FKK-Strand der DDR und zwei verfemte Gestalten aus Galiläa den Schlüssel zur wahren Unbeugsamkeit bereithalten? 


Auf der Suche nach Freiheit
Auf der Suche nach Freiheit

Euer Wanderer zwischen den Welten


Harald 🙏🎈👣🙏


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