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Freiheit IV

vor 5 Tagen
7 Min. Lesezeit

Das Prinzip der Rose


Die unberührbare Souveränität
Die unberührbare Souveränität

Nach dem Sturm kommt nicht sofort die Klarheit, sondern erst einmal die Kälte. Wer seine lebenslange Lebenslüge im Schlamm ertränkt hat, steht zitternd da und muss neu begreifen, wie man atmet, ohne Befehle von oben zu erwarten. 


Das Verlassen der Arena


Der Nebel über dem toten Flussarm begann sich langsam zu lichten. Blasse, kühle Sonnenstrahlen brachen durch das dichte Blätterdach der alten Weiden und zeichneten zarte Lichtmuster auf das schlammige Ufer.


Bert saß auf einem umgestürzten, moosbedeckten Pappelstamm. Die grobe Wolldecke fest um die nackten Schultern gewickelt, die Füße immer noch dreckstarrend vom Lehm des Ufers. Neben ihm dampften zwei Becher Kräutertee, eingegossen aus Mandys alter Thermoskanne. Das Zittern in seinem Körper hatte nachgelassen; an seine Stelle war eine tiefe, fast schmerzhafte Stille getreten – jene Leere, die entsteht, wenn ein ganzes Lebensgebäude aus Überzeugungen, Statussymbolen und Sicherheitsversprechen mit einem Schlag in sich zusammenfällt.


Er starrte auf die Wasseroberfläche, auf der ein paar welke Blätter lautlos kreisten.


„Und was machen wir jetzt, Mandy?“, fragte er mit rauer, leiser Stimme. „Wenn wir nächste Woche wählen gehen… wem geben wir unsere Stimme? Gibt es denn überhaupt noch jemanden da draußen, der das Ruder herumreißen kann? Eine Partei, eine Bewegung, einen Politiker, der das Land vom Kopf auf die Füße stellt?“


Mandy, die sich mittlerweile wieder angezogen hatte – einfache Leinenhose, derbe Wollsocken, der ausgebeulte Pullover –, hielt ihren Becher mit beiden Händen umschlossen. Sie drehte den Kopf, sah ihn an und lächelte. Es war kein spöttisches Grinsen wie am Morgen im Hotel. Es war ein gütiges, fast mütterliches Lächeln voller Milde und unendlicher Gelassenheit.


„Bertchen“, sagte sie sanft, „welche Partei hat jemals dem Menschen gedient, der sie gewählt hat und der ihre Funktionäre mit seinen sauren Steuern bezahlt? Nenne mir eine einzige in den letzten hundert Jahren.“


Bert schwieg. Er suchte in seinem Kopf nach Beispielen, nach großen Namen aus der Bonner oder Berliner Republik, doch jedes Gesicht, das vor seinem inneren Auge auftauchte, zerfiel zu einer leeren Sprechblase.


„Siehst du“, fuhr Mandy fort. „Keine. Nicht eine Einzige. Das ganze Parteienwesen ist ein Kasperletheater für die Massen – ein gigantischer Blitzableiter, damit die Leute glauben, sie hätten ein Mitspracherecht, während die Weichen ganz woanders gestellt werden. Die Mächtigen verfolgen Pläne, die über Generationen, über Jahrhunderte gewachsen sind. Wenn du versuchst, als winziger Mosaikstein diese Pläne im Parlament zu durchkreuzen, verheizt du nur dein Leben, deine Gesundheit und deine Nerven. Ich habe mein halbes Leben lang gekämpft, Bert. Ich war im Zuchthaus, ich wurde verhört, schikaniert, bespitzelt. Mein Mann wurde mir genommen. Und weißt du, was ich heute empfinde, wenn ich daran denke, dass ich diese Maschinerie als kleiner Stein im Getriebe aufhalten wollte?“


„Wut? Verbitterung?“, fragte Bert leise.


„Nein“, antwortete sie und blickte in die aufsteigende Sonne. „Es bringt mich heute zum Lächeln.“


Die Ur-Gebote des Lebens


Bert blickte überrascht auf. „Es bringt dich zum Lächeln? Nach allem, was sie dir angetan haben?“

„Ja, Bert. Weil ich begriffen habe, dass der wahre Sieg nicht darin besteht, das System zu stürzen, sondern darin, aufzuhören, sein Spiel mitzuspielen.“


Sie nahm einen Schluck Tee und wärmte ihre Hände am Becher.


„Schau dir die Menschen an: Sie rennen alle vier oder fünf Jahre zu einer Urne und werfen einen Zettel hinein, in der Hoffnung, dass fremde Herren in fernen Hauptstädten ihr Leben besser machen. Und am nächsten Tag schimpfen sie wieder am Gartenzaun über die neuen Verordnungen, die Steuern, die Kriege und die Schikanen. Sie haben vergessen, wer sie sind. Wenn die Menschen die Gebote halten würden, die jedem Einzelnen seit seiner Geburt ins Herz geschrieben sind, bräuchten wir nicht ein einziges Gesetzbuch und keine einzige Partei.“


„Welche Gebote meinst du?“, wollte Bert wissen.


„Die uralten Gesetze des Seins, Bert. Du sollst nicht morden. Du sollst nicht stehlen – auch nicht über Steuern und Abgaben. Du sollst die Würde deines Nächsten achten. Du sollst nicht lügen und dich nicht zum Handlanger fremder Kriege machen. Deine Freiheit endet dort, wo du dem anderen Schaden zufügst. Nicht dort, wo es dem Staat unbequem wird. Das ist das Naturrecht. Es steht unendlich weit über jedem Grundgesetz, über jedem Ministerbeschluss und über jeder Notverordnung. Die Gesetze der Herrschenden wechseln mit jeder Wahlperiode, sie biegen das Recht, wie es ihren Geldgebern passt. Aber die Gesetze der Schöpfung wanken nicht um einen Millimeter.“


Sie blickte ihm tief in die Augen.


„Wer nach diesen göttlichen Lebensgesetzen lebt, der braucht keinen Staat, der ihm sagt, wie er zu atmen, zu heizen oder zu denken hat. Er ist frei. Von Geburt an. Nicht als Gnade eines Fürsten oder Parlaments, sondern als freies Geschöpf.“


Freiheit heißt auch Unsicherheit zu ertragen
Freiheit heißt auch Unsicherheit zu ertragen

Was ist das Prinzip der Rose?


Bert zog die Wolldecke enger um sich. Die Wärme des Tees strömte durch seine Brust, und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich sein Kopf nicht mehr fiebrig, sondern sonnenklar an.


„Du hast vorhin von den Rosen gesprochen, Mandy. Was meinst du damit? Was ist das Rosen-Prinzip?“


Mandy stand auf, ging ein paar Schritte den Hang hinauf zu einer verwitterten Böschung, an der wildes Gestrüpp wucherte, und zeigte mit der Hand auf ein Dickicht aus dornigen Zweigen, an denen vereinzelt noch spät blühende, zartrosa Heckenrosen trotz Wind und Wetter leuchteten.


„Sieh dir diese Rose an, Bert. Sie wächst im Schotter. Im Dreck. Niemand gießt sie, niemand düngt sie, niemand schützt sie vor dem Frost. Sie braucht kein Zertifikat vom Landwirtschaftsamt, um ihre Knospen zu öffnen, und sie fragt die Brennnesseln nebenan nicht um Erlaubnis, ob sie blühen darf. Sie steht einfach da. Sie wurzelt tief in der dunklen, kalten Erde – aber ihre Blüte wendet sich vollkommen dem Licht zu. Und wenn du versuchst, sie mit Gewalt zu brechen, spürst du ihre Dornen.“


Freiheit, das Prinzip der Rose
Freiheit, das Prinzip der Rose

Sie wandte sich um und blickte auf ihn herab.


„Das Rosen-Prinzip ist die Rückkehr zur absoluten, unantastbaren Eigensouveränität. Es besteht aus drei einfachen, unzerstörbaren Pfeilern:


Der erste Pfeiler - Der Entzug der Aufmerksamkeit.


Hör auf, diesen Leuten deine Lebensenergie zu schenken! Schalte den Fernseher aus, schmeiß die Systemblätter in die Papiertonne, lösch die Apps, die dich Tag und Nacht mit Furcht und Hysterie füttern. Jeder Herrschaftsapparat ernährt sich ausschließlich von der Angst und dem Gehorsam seiner Untertanen. Wenn du ihre Reden nicht mehr hörst, ihre Talkshows nicht mehr schaust und über ihre Drohungen nur noch müde lächelst, verpufft ihre Macht im Nichts. Ein Herrscher, den niemand mehr beachtet, ist nur noch ein lächerlicher Mann im Anzug, der in ein leeres Zimmer schreit.


Der zweite Pfeiler - Wald, Garten und Wasser.


Wahre Freiheit braucht festen Boden unter den Füßen. Wer jeden Bissen Brot im Supermarkt erbetteln muss und für jeden Kubikmeter Gas vom Wohlwollen der Politik abhängt, der bleibt erpressbar. Das Rosen-Prinzip bedeutet: Geh raus! Geh in den Wald, ans Wasser, in den Garten! Pflanze deine eigenen Kartoffeln, ziehe deine eigenen Tomaten, hacke dein eigenes Holz. Lerne das Handwerk, lerne das Tauschen mit den Nachbarn. Schaffe greifbare, reale Werte – Substanz statt digitaler Nullen auf einem Bankkonto, das sie dir mit einem Knopfdruck sperren können. Wer sich selbst und seine Nächsten versorgen kann, wer die Stille der Natur aushält und die Jahreszeiten liest, der fürchtet keinen Blackout und keinen Minister.


Der dritte Pfeiler - Die unerschütterliche Würde des Geistes.


Bleibe aufrecht. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mache keine faulen Kompromisse mehr für Bequemlichkeit oder Karriere. Sprich die Wahrheit aus, ruhig, gelassen, ohne Hass und ohne Aggression. Lass dir von keinem Kollektiv einreden, was du zu fühlen oder zu glauben hast. Sei eine Insel der Vernunft und der Liebe für deine Familie und deine wahren Freunde. Wenn draußen der Sturm des Irrsinns tobt, machst du deine Tür zu, machst ein Feuer im Ofen an, nimmst die Menschen in den Arm, die du liebst, und genießt jeden einzelnen schönen Augenblick, den dir dieser Tag schenkt.“


Das Erwachen des freien Menschen


Bert saß regungslos da. Eine Träne lief langsam durch die Furchen seiner Wange, tropfte auf das grobe Wollgewebe der Decke und versickerte. Doch diesmal war es keine Träne der Verzweiflung. Es war das Lösen einer jahrzehntelangen Verkrampfung.


Er sah hinüber zu seinem anthrazitgrauen Dienstwagen. Das Statussymbol, der rollende Panzer, stand dreckverschmiert im Schlamm. Das Display im Inneren leuchtete immer noch im Standby-Modus, zeigte verpasste Anrufe von Kunden und Vorgesetzten an. Doch diese Anrufe schienen plötzlich Lichtjahre entfernt zu sein – Schall und Rauch aus einer bizarren Kunstwelt, die nichts, aber auch gar nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatte.


Souverän sein
Souverän sein

Er stand langsam auf. Er stützte die bloßen Füße fest in das feuchte Moos, spürte die Kälte des Bodens, die Kraft der Erde, das Pulsieren seines eigenen Blutes. Er atmete die feuchte Waldluft tief in seine Lungen, bis in die Spitzen.


„Mandy?“, sagte er leise.


„Ja, Bertchen?“


„Ich werde heute nicht nach Haldensleben fahren.“


Mandy lächelte. Ein breites, warmes Leuchten lag in ihren Zügen.


„Ich weiß“, sagte sie. „Lass uns nach Hause fahren, Bert. Wir haben einen Garten umzugraben.“


Hand in Hand gingen Sie langsam zurück zum Wagen. Zwei Menschen, gezeichnet von zwei völlig verschiedenen Systemen, vereint in der schmerzhaften Erkenntnis des großen Betrugs – und doch getragen von jener unzerstörbaren Zuversicht, die erst dann beginnt, wenn alle Illusionen gestorben sind.


Draußen, an den Ästen der wilden Heckenrose am Uferhang, funkelten die Wassertropfen im Sonnenlicht wie unzählige kleine Diamanten. Unberührt von den Zäunen, den Pässen und den Dekreten der Welt standen sie fest im Sturm – dornig, eigenständig, schön und unendlich frei. 


Der BMW stand still, der Terminplan war Makulatur. Bert und Mandy hatten ihren Pakt mit dem Leben geschlossen: Rückzug aus dem Theater, Rückkehr zur Scholle. Doch die Frage bleibt für jeden von uns im Raum stehen: Wie entkommt man diesem Systemirrsinn, ohne erst an den Abgrund gedrängt zu werden? Im fünften und letzten Teil weitet sich der Blick von den trüben Flussauen hinauf auf die sturmumtosten Felsgrate der Mythen. Ein Pilgerzeugnis, ein praktischer Seelen-Kompass für den Alltag und die zeitlose Vision zweier freier Geister weisen den Weg durch das Jahr 2026.


Der Weg in die Freiheit
Der Weg in die Freiheit

Euer Wanderer zwischen den Welten


Harald 🙏🎈👣🙏


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