Die Geburt des Sternenwegs
- Harald Schneider

- 18. Nov. 2025
- 7 Min. Lesezeit
đ I. Im Zeichen des Stiers und der MilchstraĂe

Wer heute den Jakobsweg pilgert, folgt gelben Pfeilen und dem christlichen Erbe des Heiligen Jakobus. Doch die wahre Geschichte dieses Pfades ist Àlter, tiefer und wilder. Sie beginnt nicht mit einem Apostel, sondern mit den Sternen, der rauen Erde und der Ehrfurcht der Menschen vor dem Ende der Welt.
Tausend Jahre vor Christus, als der spĂ€tere Jesus von Bethlehem noch ferne Zukunftsmusik war, war die Iberische Halbinsel ein Schmelztiegel aus Urkulturen. Hier, am westlichen Rand der bekannten Welt, wurde der Weg, der heute als «Camino» weltberĂŒhmt ist, zum «Sternenweg» (VĂa LĂĄctea).

Er war der Pfad der Götter, ein Spiegelbild der leuchtenden MilchstraĂe am Nachthimmel, dem die Priester des Landes folgten, um die Seele ihres Volkes zu reinigen und die Fruchtbarkeit der Erde zu sichern.
Dies ist die Geschichte von Ardan, einem jungen Mann, der ausziehen musste, um Priester zu werden, indem er dem Sternenweg zum Finis Terrae â dem Land, wo die Sonne im Meer ertrank â folgte. Es ist eine ErzĂ€hlung von PrĂŒfungen, wilden Tieren und dem archaischen Glauben, der in jedem Schritt dieses magischen Pfad heute noch heute nachhallt.
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â°ïžÂ II. Hispania um 1000 v. Chr.
Ein Land der Kontraste - Die Völker und die Besiedlung
Um 1000 v. Chr. war die Iberische Halbinsel kein leeres Land. Die genaue Bevölkerungszahl ist schwer zu schĂ€tzen, aber man geht von wenigen hunderttausend bis zu einer Million Menschen aus, die in den fruchtbareren Gebieten und entlang der KĂŒsten lebten.
Es war eine Mosaikkultur.
Die Iberer
Im Osten und SĂŒden. Sie galten als fortgeschritten, mit eigenen Schriften und intensiven Handelsbeziehungen zu ankommenden Seefahrern.
Die Kelten/Keltiberer
Im Norden, Westen und in der Mitte (Meseta). Sie waren rauere, kriegerischere StÀmme, deren Glauben tief in der Natur verwurzelt war. Sie brachten eine indoeuropÀische Kultur in die Region.
Ankommende HĂ€ndler
Um 1000 v. Chr. begannen die «Phönizier» aus dem heutigen Libanon, Kolonien im SĂŒden zu grĂŒnden (wie CĂĄdiz/Gadir), angelockt vom Reichtum an Silber, Zinn und Kupfer. Ihr Einfluss war zunĂ€chst nur auf die KĂŒste beschrĂ€nkt.
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Ardan â Der Weg des Priesters
Ardan war ein Keltiberer, aufgewachsen im hĂŒgeligen Inland. Er war kein JĂ€ger, sondern ein AnwĂ€rter fĂŒr das höchste Amt seines Stammes. Ein «Diener des Stieres» und Dolmetscher der Sterne. Seine Mission, die «Wanderung des Stieres», sollte ihn ĂŒber das gesamte Land fĂŒhren, bis zum mystischen Punkt, an dem der irdische Weg in den himmlischen ĂŒberging.
AusrĂŒstung
Weniger ist... notwendig! Ardan besaà nichts von der spÀteren römischen oder christlichen Raffinesse. Sein GepÀck war asketisch, darauf ausgelegt, ihn lebendig, aber nicht komfortabel ans Ziel zu bringen.
Kleidung
Ein einfaches «Wollgewand» und ein Umhang aus Tierhaut (wahrscheinlich Ziege oder Schaf) als Schutz vor dem Wetter.
Schuhe
Derb gegerbte Ledersandalen mit fester Sohle. (Im Gegensatz zu den vier Paar Schuhen des spĂ€teren Pilgers wusste Ardan, nur die FĂŒĂe des Stieres sind fĂŒr diesen Weg gemacht.)
Werkzeuge
Ein «Bronzemesser» (Eisen war noch nicht ĂŒberall verbreitet), ein Feuerstein und ein «Holzstab» (vermutlich aus Eiche oder Esche) mit einem geschnitzten Stierkopf als spirituellem Fokus.
Proviant
Ein Lederbeutel mit «getrocknetem Fleisch» (Jerky), geröstetem Getreide und einem Schlauch fĂŒr Wasser.
Das Zeichen
Er trug wahrscheinlich einen «AnhÀnger aus poliertem Knochen oder Bronze» in Form eines Stierkopfes oder des Mondes.
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đ III. Die Mysterien des Sternenwegs
Rituale und Opfer
Ardans Reise war kein Spaziergang; es war eine fortlaufende Reihe von rituellen Handlungen, die das göttliche Prinzip von «Geben und Nehmen» zwischen Mensch und Natur bekrÀftigen sollten.
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Das Anfangsritual - Die Reinigung der Quelle
Bevor Ardan den ersten Schritt tat, musste er das Ritual der «Quell-Reinigung» vollziehen.

Ort
Eine heilige, tief im Wald verborgene Quelle, die als Wohnung einer lokalen Wassergottheit galt.
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Handlung
Er entkleidete sich und wusch sich in dem eiskalten Wasser, um die «Gifte der Zivilisation» abzuwaschen. Er lieĂ einen kleinen, sorgfĂ€ltig geschnitzten Holzstier in der Quelle treiben â ein Geschenk an die Gottheit fĂŒr sicheres Geleit. Dies war der Akt der Selbstvergebung. Die Abkehr von der Vergangenheit, um neu beginnen zu können.
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Das Ritual des Steinkreises (Dolmen)
Entlang des Weges suchte Ardan die «Megalithischen Bauwerke» (Dolmen und Menhire) auf, die Àlter waren als seine eigene Kultur und als Tore zu anderen Welten galten.
Handlung
Bei Neu- oder Vollmond verbrachte er die Nacht unter dem gröĂten Stein, um die «Energie der Erde» und die Weisheit der Ahnen aufzunehmen. Er vollzog den «Stier-Tanz», bei dem er die Bewegungen des Stiers imitierte, um dessen Kraft in seinen eigenen Körper zu ziehen.

Die Opfergabe
Keine Menschenopfer, aber «Opfergaben» von Milch, Honig und dem besten Teil seines Getreides wurden in die Ritzen der Steine oder auf einen Opferstein gelegt.
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Das Ritual der MilchstraĂe - Die Navigation
Die wahre FĂŒhrung war nicht auf der Erde, sondern im Himmel. In der Meseta, fern der KĂŒstenlichter, orientierte sich Ardan nachts am VĂa LĂĄctea.
Handlung
Er legte seinen Stab auf den Boden, visierte die leuchtende Bahn der MilchstraĂe an und ging in die Richtung, in die sie ihn zu fĂŒhren schien. Die MilchstraĂe war die «kosmische Nabelschnur», die ihn mit dem «Finis Terrae» verband, dem Ort des mythischen Ăbergangs.Â
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đșÂ IV. Gefahren und Herausforderungen auf dem Sternenweg
Die Reise war ein permanenter Kampf gegen Natur, Tier und Mensch. Ardan musste tĂ€glich um sein Ăberleben ringen.
GefÀhrliche Menschen - StÀmme und HÀndler
1. RaubĂŒberfĂ€lle (Keltiberische Banden)
Die gröĂte Gefahr stellten andere StĂ€mme oder lose Gruppen von Kriegern dar, die in den Bergen lauerten, um Handelstransporte oder Einzelreisende wie Ardan
auszurauben.
2. Fremde HÀndler (Phönizier/Griechen)
Die KĂŒstengebiete, besonders im SĂŒden und Osten, wurden von phönizischen HĂ€ndlern kontrolliert. Ardan, der Priester eines archaischen Kults, war fĂŒr sie nutzlos oder sogar ein Hindernis fĂŒr ihre Handelsinteressen. Hier drohte ihm nicht nur Raub, sondern auch die Gefangennahme und Versklavung.
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Wilde Tiere - Der wahre «Donnersohn»
Die Iberische Halbinsel war viel wilder und gefÀhrlicher als heute:
Wölfe
Zahlreiche Rudel durchstreiften die WĂ€lder. Ein Reisender allein war eine leichte Beute.
BĂ€ren
Der Iberische BraunbÀr war noch weit verbreitet, besonders in den Kantabrischen Bergen (die Ardan durchqueren musste). Die Begegnung mit einer BÀrenmutter war oft tödlich.
Wilde Stiere
Der Stier war zwar heilig, aber in freier Wildbahn extrem gefÀhrlich. Eine unverhoffte Begegnung mit einem wilden Herdenbullen konnte das Ende der Pilgerreise bedeuten.
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Naturgewalten
Gebirgswetter
Die Ăberquerung der PyrenĂ€en oder kantabrischen Gebirge brachte plötzliche, heftige Gewitter mit sich (der Blitz galt als Zorn der Götter), sowie unvorhergesehene SchneefĂ€lle, selbst im FrĂŒhling.
WasserĂŒberquerungen
Es gab keine befestigten BrĂŒcken. Das Durchwaten oder Schwimmen von schnell flieĂenden FlĂŒssen war ein tödliches Risiko.
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đ Â V. Das Ende der Welt und die Verwandlung
Nach vielen Monden der Wanderung â wahrscheinlich  meist weit mehr als sechs Monate â erreichte Ardan das Finis Terrae (wahrscheinlich Kap Finisterre oder Fisterra).
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Das letzte Ritual - Der Ăbergang
Am Ă€uĂersten westlichen Punkt vollzog Ardan sein abschlieĂendes und wichtigstes Ritual, das der Verwandlung und Erlösung
Handlung
Er wartete auf den Sonnenuntergang. Er sah zu, wie der riesige, feuerrote Ball der Sonne im unendlichen Ozean versank â das mythische Tor zum Jenseits. Er opferte seine Stabspitze (das Stier-Symbol) und seine abgetragenen Ledersandalen dem Meer. Die Pilger der spĂ€teren Zeit wĂŒrden diese Geste mit dem Verbrennen der Kleider wiederholen.
Die Erlösung
Er nahm seinen Stein der Last (den er seit Beginn seiner Reise getragen hatte) und warf ihn ins Meer. Dies war der Moment der «archaischen Vergebung.» Er trennte sich symbolisch von allen SĂŒnden, Schmerzen und den SchwĂ€chen, die ihn auf der Reise plagten. Er wurde neu geboren, gefĂŒllt mit der Kraft des Stieres und der Weisheit der Sterne.
Der Pilgerstab
Mit einem neuen Stab in der Hand kehrte er auf dem Sternenweg zurĂŒck in seine Heimat, nicht als suchender AnwĂ€rter, sondern als fertiger Priester und TrĂ€ger der göttlichen StĂ€rke.
Der WĂ€chter des Wissens. Ardans neue Rolle als Seher und FĂŒhrer!
Nach seiner RĂŒckkehr in das Stammesdorf erwartete Ardan kein einfaches Wiedersehen, sondern eine feierliche Erhebung zum vollwertigen Druiden oder Seher (einem Vates in keltiberischer Tradition), dessen Macht durch die erfolgreiche Absolvierung der "Wanderung des Stieres" und der BerĂŒhrung des Endes der Welt unbestreitbar war. Er kehrte als voll transformierter Mittler zwischen den Göttern und den Menschen zurĂŒck, vor allem aber auch als Mittler zwischen den Welten â der irdischen Welt der Lebenden und der jenseitigen, spirituellen Welt der Ahnen.
Seine Hauptaufgaben umfassten die Sicherung der kosmischen Ordnung fĂŒr den Stamm.
Er war verantwortlich fĂŒr die DurchfĂŒhrung der groĂen jahreszeitlichen Rituale (wie die Sonnenwenden), die die Fruchtbarkeit der Ernte, des Viehs (Stierkult) und des menschlichen Nachwuchses gewĂ€hrleisten sollten. Zudem fungierte er als Heiler, Divinator (Weissager) und WĂ€chter des Wissens, interpretierte Sternenkonstellationen und Omen, um den Willen der Götter zu verkĂŒnden, und beriet den StammeshĂ€uptling bei allen strategischen Entscheidungen bezĂŒglich Krieg, Handel und Migration. Seine AutoritĂ€t war oft gröĂer als die des weltlichen AnfĂŒhrers, da er die Verbindung zur Ahnenwelt und den kosmischen KrĂ€ften aufrechterhielt, die den Stamm schĂŒtzten.
AbschlieĂender Gedanke
Der Weg, den Ardan vor 3000 Jahren ging, war ein Weg der «SelbstĂŒberwindung und spirituellen Reinigung». Die Vergebung, die er suchte, war die Gnade der Götter, die ihn nach jeder ĂŒberstandenen Gefahr wieder aufstehen lieĂen. Der «Camino» ist somit zweifellos die Ă€lteste Geschichte der Menschheit. Die bewusste, tĂ€gliche Entscheidung, dem Licht zu folgen, selbst wenn die Nacht voller Stiere und Wölfe ist, um die eigene Geschichte in eine ErzĂ€hlung der Erlösung zu verwandeln.
Und so lehrt uns Ardans Reise: Der wahre Pilgerweg ist zeitlos; er ist die stoische Weigerung aufzugeben und die ewige Suche nach Gnade und Heilung â eine Suche, die sich bis heute fortsetzt, wie ich auf meinem Weg von Hinterschmiding nach Santiago erfahren habe, und die ich in meinem Buch "I bin vom Woid dahoam" dokumentiere.
Herzlich HaraldđđŁđđ
I bin vom Woid dahoam
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PS: Der Weg der Erkenntnis geht weiter...
Die Geschichte des Jakobswegs ist eine Geschichte in Schichten. Wenn Du die Fortsetzung dieser Serie â den Aufstieg Roms und die Transformation der alten Pfade â nicht verpassen willst, und exklusive Texte sowie Bilder aus meinem Buch "I bin vom Woid dahoam" erhalten möchtest, dann melde dich doch jetzt fĂŒr meinen Newsletter an. Teile bitte diesen Beitrag, um diese verborgenen Spuren sichtbar zu machen. Deine UnterstĂŒtzung ist der nĂ€chste Schritt auf meinem Weg. Danke dafĂŒr.






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