đ Die Geschichte des Jakobsweges
- Harald Schneider

- 13. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Jan.
Teil 2 - Als der Adler landete (200 v. Chr.)

Vom Sternenweg zur «Via Militaris» oder wie Roms Gier nach Silber die heiligen Pfade fĂŒr immer verĂ€nderte.
Stell dir vor, du stehst auf einem HĂŒgel in der staubigen Hitze der Meseta. Es ist das Jahr 200 vor Christus. Unter dir liegt der Pfad, den deine Vorfahren seit Generationen gegangen sind â der âSternenwegâ, der der MilchstraĂe nach Westen folgt, zum Ende der Welt («Finis Terrae»).
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Es war ein Pfad der Stille, der Druiden und der Suche nach Antworten. Doch heute bebt die Erde. Nicht vor Ehrfurcht, sondern unter dem Gleichschritt tausender eisenbeschlagener Sandalen («Caligae»). Du siehst keine Pilger mit StÀben mehr. Du siehst die Legionen Roms. Der Staub, den sie aufwirbeln, riecht nicht nach Erde, sondern nach Krieg und Metall.
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Willkommen in «Hispania». Willkommen im zweiten Kapitel unserer Geschichte, in dem die SpiritualitÀt der Logistik weichen musste.
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âïžÂ Der Bruch â Das Ende der Unschuld des Sternenweges

Im ersten Teil haben wir gesehen, wie der Weg eine spirituelle Nabelschnur war, die den Menschen mit dem Universum verband. Doch um 200 v. Chr., kurz nach dem verheerenden Zweiten Punischen Krieg, Ànderte sich alles.
Die «Punischen Kriege (264â146 v. Chr.)» waren der entscheidende Wendepunkt, der die Iberische Halbinsel aus dem Einflussbereich Karthagos riss und in das Römische Reich integrierte:
1. Punischer Krieg (264â241 v. Chr.)Â Â Â Â
Rom siegt ĂŒber Karthago im Kampf um Sizilien. Karthago sucht in Spanien Ersatz fĂŒr verlorene Ressourcen (v. a. Silber).
2. Punischer Krieg (218â201 v. Chr.)Â Â Â Â
Hannibal marschiert ĂŒber die PyrenĂ€en. Der römische Feldherr «Scipio Africanus» landet in Spanien und vertreibt die Karthager schlieĂlich komplett.
3. Punischer Krieg (149â146 v. Chr.)Â Â Â Â Â
Die endgĂŒltige Zerstörung Karthagos. Spanien ist nun fest in römischer Hand.
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Rom kam nicht als Tourist, sondern als GlĂ€ubiger. Der Krieg gegen Hannibal hatte die Staatskassen geleert. Hispania hatte das, was Rom brauchte, «Silber». Die Minen von «Cartago Nova» (Cartagena) und im SĂŒdwesten wurden zur Hauptschlagader des römischen Wirtschaftsmotors.
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đïžÂ Die Romanisierung - Infrastruktur der Macht

Durch den Sieg begann die «Romanisierung», die das Fundament fĂŒr den heutigen Camino legte. Rom baute StĂ€dte wie «Italica» (Sevilla), «Asturica Augusta» (Astorga) und «Lucus Augusti» (Lugo) â heute zentrale Stationen fĂŒr Millionen von Pilgern.
Die Transformation des «Sternenwegs» Die Kelten und Iberer nutzten uralte Pfade nach dem Stand der Sterne. Rom baute diese zu strategischen «Viae» aus.
Die «VĂa de la Plata»    Â
UrsprĂŒnglich ein Truppenweg von SĂŒd nach Nord, um widerspenstige StĂ€mme in Galicien zu unterwerfen. SpĂ€ter die Lebensader fĂŒr Metalltransporte.
Die «Via Augusta»        Â
Die lĂ€ngste RömerstraĂe Hispaniens. Teile des heutigen «Camino FrancĂ©s» nutzen exakt diese antike Trasse.
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Interessanter Fakt       Â
Ohne den römischen Sieg wÀre Galicien wohl phönizisch-karthagisch geblieben. Die römische Infrastruktur war die notwendige "Hardware", auf der das mittelalterliche Pilgerwesen erst entstehen konnte.
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đïžÂ Die Ingenieurskunst der Unterwerfung

Warum ist der moderne Jakobsweg in der Meseta oft so zermĂŒrbend gerade?
Das ist das römische Erbe. Die Armee hasste Umwege; Zeit war ein strategischer Faktor.
Begradigung                  Â
Sie schnitten durch heilige WĂ€lder und sprengten Felsen weg, die seit Jahrhunderten verehrt wurden.
Pflasterung                    Â
Der weiche Erdboden wurde durch harten, wetterfesten Steinbau ersetzt â unerbittlich fĂŒr die FĂŒĂe.
Meilensteine («Miliaria»)           Â
Alle 1.480 Meter (eine römische Meile) setzten sie massive SteinsÀulen. Darauf stand kein Gebet, sondern Propaganda: «Du gehst hier nicht unter den Sternen. Du gehst auf römischem Boden».
đŁÂ Wer wanderte zu dieser Zeit den âCaminoâ?
Vergiss den einsamen Wanderer auf Selbstfindungssuche. Damals herrschte hierarchisches Treiben.
1. Die LegionĂ€re           Â
Die âMaultiere des Mariusâ mit 30kg GepĂ€ck. Sie bauten StraĂen statt Steinhaufen fĂŒr Götter.
2. HĂ€ndler & SteuerpĂ€chter    Â
Sie brachten Wein und Ăl aus Italien und exportierten Silber, Sklaven und Fischsauce «Garum».
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3. Die Sklaven
Keltiberische Kriegsgefangene, die in Ketten zu den Minen getrieben wurden. FĂŒr sie war der Weg ein Pfad des Leidens.
Die Sicht des Pilgers

Konnten Druiden den Weg noch gehen?
Es war ein schmerzhafter Kompromiss. Rom assimilierte die Götter («Interpretatio Romana»). Wer frĂŒher im Rhythmus der Natur nach Westen zog, musste nun römischen Wachposten erklĂ€ren, warum er ohne Waren unterwegs war. Die SpiritualitĂ€t wurde in den Untergrund oder die abgelegenen Winkel Galiciens gedrĂ€ngt.
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đȘ Götter im Wandel â Der «transactional» Glaube
An Wegkreuzungen ersetzte «Merkur» (Gott des Handels) die alten Geister. Der Glaube wurde «transactional» (geschĂ€ftsmĂ€Ăig):
«Ich opfere dir, Merkur, damit meine Silberlieferung sicher ankommt».
Der Votiv-Vertrag â Wenn Steine sprechen
In Museen wie Astorga oder Leon findet man Weihesteine mit der Formel «V.S.L.M.» («Votum Solvit Libens Merito» â «Er hat sein GelĂŒbde gern und nach GebĂŒhr eingelöst».
Beispiel Astorga                        Â
Ein HĂ€ndler verspricht Merkur einen Altar fĂŒr eine sichere Meseta-Ăberquerung.
Beispiel «VĂa de la Plata» Soldaten opfern Jupiter fĂŒr militĂ€rische StabilitĂ€t.
Beispiel Galicien Der Gott Lugh wurde zum römischen Handwerkergott umgedeutet â eine spirituelle Ăbernahme durch Architektur.
Der Gott wurde zum GeschĂ€ftspartner. Die Ankunft war kein Geschenk des Himmels mehr, sondern die ErfĂŒllung einer vertraglichen Leistung.
đ Konklusio â Die Hardware des Heiligen

Die Römer brachten Zivilisation, Recht und Architektur nach Spanien. Sie bauten die BrĂŒcken, ĂŒber die wir heute noch gehen (wie die Puente Romano in Salamanca). Aber sie nahmen dem Weg seine Unschuld. Sie verwandelten einen Pfad der Seele in ein Werkzeug der Kontrolle und des Profits. Ohne die römische "Hardware" â die befestigten StraĂen und gesicherten Versorgungsstationen â hĂ€tte das christliche Pilgerwesen des Mittelalters jedoch niemals diese Massen bewegen können.
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Meine spirituelle Meinung als Pilger

Wenn du heute auf dem Camino lĂ€ufst und deine FĂŒĂe auf dem harten römischen Pflaster brennen, dann spĂŒrst du die «Narben der Geschichte». Es ist eine bittere Ironie. Die Gier nach Silber schuf die Trasse fĂŒr die Suche nach Gott. Doch Rom hat eines nicht geschafft, trotz der geraden StraĂen und der Meilensteine hörten die Menschen nie auf, nach Westen zu gehen, um die Sonne im Meer sterben zu sehen.
Die Infrastruktur wurde römisch, aber die Sehnsucht blieb menschlich. Der «Call of the Wild», der Ruf der Sterne, ĂŒberlebte unter dem Pflasterstein. Wir laufen heute auf den StraĂen der Eroberer, um die Freiheit der Entdecker wiederzufinden.
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Bemerkung
Dieser Artikel ist Teil einer Serie, die die wahren, oft rauen Wurzeln des Jakobsweges beleuchtet. Geschrieben von einem Pilger, der weiĂ, dass jeder Stein auf dem seine Geschichte erzĂ€hlt.
Vorschau auf Teil 3
Der Adler stĂŒrzt ab. Das Römische Reich zerfĂ€llt, und in den WĂ€ldern Galiciens entdeckt ein Einsiedler ein Licht auf einem Feld. Ein Grab wird gefunden, und der Name «Santiago» wird die Welt aus den Angeln heben.
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đ Historische Spuren & WeiterfĂŒhrende Recherche
Die Route                   Die «VĂa Augusta» und die römischen Abschnitte des «Camino FrancĂ©s».
Das Silber                       Die Minen von «Las Médulas» (Leon).
Ein Bild der Zerstörung der Natur durch Gier. [(https://www.youtube.com/watch?v=lH6jNO2ZwkY)]
Der Konflikt                    Der «Keltiberische Krieg» und der Fall von Numantia (133 v. Chr.).
Artefakte. Suche nach «Römischen Meilensteinen» (Miliarios) an der VĂa de la Plata.
Dein Wanderer zwischen den Welten,
Herzlich HaraldđđŁđđ
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I bin vom Woid dahoam
sichere dir dein handsigniertes Exemplar.
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