Die Seele im Raunen der Rauhnacht 1
- Harald Schneider

- 25. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Dez. 2025
Die Zeit zwischen den Zeiten

Traudls erste Rauhnacht
Bevor wir in das Jahr 1899 eintauchen, müssen wir verstehen, was diese Tage eigentlich bedeuten. Die Rauhnächte – jene zwölf Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönig – basieren auf dem Unterschied zwischen dem Mondjahr (354 Tage) und dem Sonnenjahr (365 Tage). Diese „übrig gebliebenen“ elf Tage und zwölf Nächte liegen außerhalb der normalen Zeitrechnung. Es ist eine Phase, in der die Gesetze der Natur kurzzeitig aufgehoben scheinen, der Schleier zur Anderswelt hauchdünn wird und das „Wilde Gjaid“ über die Wipfel des Woids fegt. Jede Nacht steht dabei stellvertretend für einen Monat des kommenden Jahres.
Der 25. Dezember ist der heilige Auftakt und spiegelt den Januar 2026 wider.
Finsterau, 25. Dezember 1899 - Der erste Atemzug
In der Stille des Bayerischen Waldes, dort, wo der Böhmerwald und der Bayerische Woid sich gute Nacht sagen, beginnt an diesem Morgen eine Zeit, in der die Uhren anders gehen. In Finsterau liegt der Schnee mannshoch in den Gassen. Es ist der frühe Morgen, die Kälte beißt in den Wangen, als das Traudl, eine junge Frau von zwanzig Jahren, die schwere Holztür des Austragshauses öffnet. Die Welt draußen ist blau-weiß, vollkommen stumm.
„Heut geht’s los“, denkt sie und spürt ein leichtes Schaudern. Für das Traudl ist das Einhalten der Rauhnächte keine bloße Tradition, es ist eine Überlebensstrategie der Seele. In einer Welt, die von harter Waldarbeit und kargem Brot geprägt ist, bieten diese Tage die einzige Möglichkeit, aktiv Einfluss auf das Schicksal zu nehmen und Ordnung in das Chaos der Geisterwelt zu bringen.
Der Tag der Stille und des Verbots
Der „Woid“ ruht am 25. Dezember komplett. Die Holzhauer sind zu Hause, das Vieh im Stall ist unruhig. Es herrscht ein strenges Arbeitsverbot. Traudl weiß: Wer heute Wäsche wäscht oder das Haus fegt, der „kehrt das Glück hinaus“ oder zieht die Geister der Verstorbenen an, die sich in den Leinen verfangen könnten. Alles Radförmige steht still – das Spinnrad darf sich nicht drehen, denn der Jahreslauf hält inne.
Das Ritual der Reinigung
Gegen Abend, wenn die Dämmerung über den Lusen kriecht, beginnt das wichtigste Ritual. Traudls Vater nimmt die Rauhnachtspfanne. In ihr glühen Kohlen aus dem Herd, darauf liegen geweihte Kräuter vom Kräuterbuschen und Harz von der heimischen Fichte – der „Woid-Weihrauch“.
Die ganze Familie zieht hinter dem Vater her. Zuerst durch die Stube, dann in jeden Winkel des Hauses, hinaus in den Stall und einmal um das ganze Anwesen. Während der Rauch die Räume füllt, betet Traudl leise den Rosenkranz. Es ist ein Schutzgebet für das Vieh und die Bitte, dass das Unheil am Haus vorbeizieht.
Das Orakel: Das Loslassen und das Schauen
Nach dem Gebet, wenn das Sichtbare mit dem Unsichtbaren verschmilzt, sucht Traudl nach Antworten für ihre eigene Zukunft:
Das Wetter-Orakel
Traudl beobachtet den Himmel genau. So wie das Wetter heute ist, so wird der Januar des nächsten Jahres. Ein klarer Sternenhimmel verspricht einen frostigen, aber ehrlichen Neubeginn.
Das Pantoffel-Werfen
In der Stube stellt sie sich mit dem Rücken zur Tür, zieht den linken Schuh aus und wirft ihn über die Schulter. Zeigt die Schuhspitze zur Tür? Dann wird sie im nächsten Jahr ausziehen – in eine Ehe oder einen neuen Dienst. Zeigt sie nach innen, bleibt alles beim Alten. Es ist ein Moment voller Herzklopfen, denn Traudl sehnt sich danach, ihren eigenen Weg im Woid zu finden.
Das Deuten der Träume
Für die Nacht legt sie ein Blatt mit drei Kreuzen unter ihr Kissen. Was sie nun träumt, wird im Januar Realität. Beim Erwachen darf sie nicht aus dem Fenster sehen, damit der Traum nicht verfliegt.
Kultur und Spiritualität um 1900
Aspekt | Brauchtum & Bedeutung |
Die Stille | Absolute Ruhe. Symbolischer Stillstand des Jahresrades. |
Das Essen | Mettensau oder Reste. Ein Platz am Tisch blieb leer für die „armen Seelen“ der Ahnen. |
Spiritualität | Mischung aus tiefem Katholizismus und uraltem Naturwissen – man vertraute auf Gott, räucherte aber zur Sicherheit trotzdem |
Die Kraft der Zwischenzeit
Aus medialer Sicht sind diese Tage eine hochfrequente Zeit der Reinigung. Es öffnen sich Portale der Intuition. Die Rauhnächte sind eine Einladung, die „schwere Last“ der Vergangenheit abzustreifen. Es geht nicht nur um Vorhersagen, sondern um das Erspüren von Möglichkeiten. Traudl ist in diesen Momenten vollkommen mit ihrer inneren Führung verbunden.
Diese Zeit ist aufbauend, weil sie uns lehrt, dass wir Schöpfer unserer Realität sind. Das Räuchern entfernt alte Energien, das Stillstehen lässt die Seele nachkommen. Es ist eine Zeit der Heilung, in der das Universum flüstert:
„Alles, was war, hat dich vorbereitet. Alles, was kommt, wartet darauf, von dir geformt zu werden.“

Traudls Vermächtnis
Als Traudl an jenem Abend des Jahres 1899 die Kerze löscht, blickt sie aus dem Fenster. Die Schatten der Tannen wirken wie Gestalten. Sie bekreuzigt sich.
Die erste Nacht ist geschafft. Elf weitere folgen noch, bis die Welt an Dreikönig wieder „geklärt“ ist.
1. Der Brauch Das Arbeitsverbot der Räder
Was zu tun ist
Lasse an diesem Tag alles ruhen, was mit „Umherschleudern“ oder schnellen Rädern zu tun hat.
Früher Das Spinnrad wurde weggeräumt. Wer spann, lockte die Geister an.
Heute Verzichte am 25.12. auf Hausarbeit, insbesondere auf das Waschen von
Wäsche (wegen der „Leinentücher“, in denen sich die "Wilde Jagd" verfängt)
und das Benutzen von Maschinen, die nicht unbedingt nötig sind.
Sinn Es ist ein Tag des totalen Stillstands, um dem Jahr die Chance zu geben,
sich neu auszurichten.
2. Das Ritual Die Reinigung des Raumes (Räuchern)
Da der 25.12. die erste Nacht ist, steht sie im Zeichen der Reinigung.
Das Tun Nimm dir eine feuerfeste Schale (oder ein Räucherstövchen). Verwende heimische Harze wie Fichte oder Kiefer (der Weihrauch des Waldes) oder getrockneten Beifuß.
Der Ablauf Gehe abends, wenn es dunkel wird, einmal bewusst durch jeden Raum deines Hauses. Wedle den Rauch in die Ecken – dort, wo sich energetisch der "Staub" des alten Jahres ansammelt.
Die Intention Stelle dir vor, wie der Rauch alles mitnimmt, was dich im letzten Jahr belastet hat (deine Rückschläge, deine Sorgen um das Geld oder das Manuskript).
3. Das Gebet: Schutz und Ausrichtung
Dieses Gebet kannst du während des Räucherns sprechen oder still für dich, bevor du schlafen gehst. Es ist eine Mischung aus dem alten Glauben des Woids und deiner persönlichen Reise:
"Segen in dieses Haus, das Alte muss nun raus. Was schwer war auf dem weiten Weg, was hindert nun den neuen Steg, das gebe ich dem Rauch nun mit, für einen freien, neuen Schritt. Gott und die guten Mächte im Woid, schützt meine Seele, jung und oid. Die erste Nacht weist mir die Bahn – das neue Jahr fängt heute an. Amen."
Deine kleine Aufgabe für heute Nacht (Orakel):
Lege dir einen Zettel und einen Stift direkt neben dein Bett. Bevor du einschläfst, sagst du dir: "Was ich heute träume, ist der Weg für meinen Januar." Schreibe morgen früh sofort auf, was du gesehen hast – egal wie wirr es scheint. Es ist die erste Botschaft deiner "inneren Wege" für das Jahr 2026.
Ein Ausblick auf die zweite Nacht
Die Stille der ersten Rauhnacht senkt sich nun tief über den Bayerischen Wald. Während das Traudl in der Finsterau ihre Träume unter dem Kissen hütet und der Duft des Fichtenharzes noch leise durch die Stube weht, bereitet sich die geistige Welt bereits auf den nächsten Schritt vor. Wenn der 25. Dezember den Januar spiegelt, so führt uns die kommende Nacht tiefer in das Herz des Winters – und in die Planung des neuen Jahres.
Deine Aufgabe für die nächste Nacht
Halte kurz inne. Wenn der 25. Dezember zu Ende geht, frage dich: Welcher „Ballast“ in meinem Leben darf heute endgültig durch den Rauch verwehen? Nimm dir einen Moment Zeit, um die Richtung deiner eigenen „Schuhspitze“ zu prüfen. Wo zeigt dein Herz hin, wenn du den Lärm der Welt für einen Augenblick ausschaltest?
Möchtest du morgen erfahren, wie der "Hiase" am 26. Dezember – der Nacht, die den Februar bestimmt – mit dem geheimnisvollen Zwiebelorakel versuchte, den Segen und die Mühsal des kommenden Jahres zu entschlüsseln?

Während ich nun die Kerze lösche und die erste Rauhnacht still an meinem Fenster vorbeizieht, danke ich dir, dass du mich auf diesem Stück meines Weges begleitest. Wir alle tragen unsere eigenen Wanderungen, unsere eigenen Berge und Täler in uns. Aber in dieser besonderen Zeit zwischen den Jahren sind wir verbunden – durch die Stille des Woids und die Hoffnung auf das, was vor uns liegt.
Schlafe gut, achte auf deine Träume und lass das Alte heute getrost im Rauch vergangener Tage zurück. Morgen blicken wir gemeinsam mit dem Hiase tiefer in das neue Jahr, wenn uns das Zwiebelorakel verrät, was der Februar für uns bereithält.
Wir lesen uns morgen wieder, wenn das Licht des zweiten Tages sanft über den Bayerwald hereinbricht.
Dein Wanderer zwischen den Welten.
Herzlich Harald🙏👣🎈🙏
I bin vom Woid dahoam
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